"Das neue Herz Europas"

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Längst ein Geheimtip und Provinz-Weltmetropole mit Ambitionen: Stuttgart setzt auf einen Bahnhof der internationalen Flair mit urbaner Selbstverständlichkeit verbinden soll. Zumindest der Kostenvoranschlag konnte sich schon auf dem internationalen Parkett sehen lassen. 2,8 Milliarden Euro sollte der neue, unterirdische Fernverkehrsknotenpunkt der Bahn (Das neue Herz Europas) in der baden-württembergischen Landeshauptstadt kosten. Im Ernst: Ein Spottpreis!. Hinzu kamen noch runde, über den Daumen gepeilte 2 Milliarden Euro für eine Neubaustrecke (nochmals im Ernst: Ein Spottpreis!) und eine therapeutische Heilanstalt für das Planungskonsortium dieses zukunftsweisenden Projektes (im Ernst: Bau sollte in Erwägung gezogen werden!).

Railway to Heaven

Auch bei der Bewerbung von "Stuttgart 21" ließ man sich nicht lumpen. Ein aufwendig gestalteter Animationsfilm (Motion-Ride - siehe unten) weiß die neue Strecke und all ihre Höhepunkte gekonnt cineastisch in Szene zu setzen und spricht für sich und die überirdischen Planer: Nachdem man durch eine herrliche Wolkendecke (O-Ton: Ein Blick in die Zukunft) auf Ulm hinabgestoßen ist, und dabei nur haarscharf den Münsterturm verfehlt (schreckliche Erinnerungen an den 11. September werden wach...), geht es los. Vorbei an solch' imposanten zivilisatorischen Sozialclustern wie Dornstadt, Bollingen, Tomerdingen, Temmenhausen, Merklingen, Nellingen (nicht direkt an der neuen Trasse, aber von dort aus gut zu sehen!). Dann Tunnel, Tunnel, Tunnel und eine tolle Brücke - alles niegelnagelneu. Dann Tunnel, ein TGV (toll!), noch ein Tunnel und vorbei an Kirchheim/Teck und die legendäre Wendlinger Kurve. Ein kleiner Höhepunkt auf dieser imposanten Reise von Ulm nach Stuttgart in nur 28 Minuten: der Rasthof Denkendorf - Wahnsinn!

Und schon rauscht man weiter durch die Filder-Ebene. Flughafen Stuttgart (wird 2028 unter die Erde verlegt). Über dem anmutig im Lichte der Sonne schimmernden, blankgewienerten ICE ein ebenso gepflegter Lufthansa-Airbus auf dem Weg nach London, gefolgt von der eleganten Durchfahrt durch den Bahnhof "Flughafen/Messe". Ich flippe hier gleich aus. Endspurt. Die Spannung wird unterträglich. Nur noch 7 Minuten und ein paar Zerquetschte. Durch den Filder-Tunnel. Da, ein Licht am Ende des Tunnels. Hell erleuchtet, das Wunder "Stuttgarter Hauptbahnhof". Messianische Erleuchtung suberdener Erlösungsarchitektur nach einer atemberaubenden Fahrt durch, äh, Schwaben.

Der Fahrgast wird nun die Rolltreppe hinauf geführt und mit einem neuentwickelten Katapult (Wochenendticket) in 10.000m Höhe geschossen, von wo er den Bonatzbau nocheinmal von oben betrachten kann, bevor er nach etwa 2 Minuten freien Fall auf dem Asphalt eines Stuttgarter Vororts zerschmettern wird.

Die zukünftige, fließende Anbindung an europäische Kultur- und Wirtschaftszentren wie Backnang, Esslingen, Horb und Pforzheim verschlagen einem glatt die Sprache.