Als ich im Jahre 1992 das Abitur machte, hatte ich eine Zeit hinter mir, die – meine Mitjahrgänger können dies bestätigen – aus Gründen der Rücksicht auf nachfolgende Generationen keinerlei Erwähnung in den Geschichtsbüchern deutscher Bildungskultur finden durfte. Zu hoch die Leistungen unseres Jahrgangs und jener davor, als dass es zumutbar gewesen wäre, diese als Maßgabe voranzustellen. Nachhaltige Versagensängste und damit einhergehende Schulverweigerungen wären die Folge gewesen, die resignative Verwahrlosung ganzer Folgejahrgänge absehbar. Und Ihr, werte 2019er-Abiturienten, solltet uns dankbar sein, dass wir unseren Ehrgeiz überwanden, und auf den uns zustehenden öffentlichen Ruhm verzichteten. Wir taten dies für Euch!

Wie man dieser Wochen der Presse entnehmen durfte, quollen die Postfächer der Kultusministerien in den Folgetagen des Mathe-Abiturs über von Beschwerden und Klagen ob der Schwierigkeit der diesjährigen Abitur-Prüfungen, welche ich nach Durchsicht mit einem Lächeln konnotierte, und mich mit fast schon nostalgischer Melancholie an die glorreichen Zeiten unserer Leistungen und Leistungsprüfungen erinnerte.

Mathe-Abitur 2019

1992

Die Schule begann bereits morgens um 7:30 Uhr mit dem Sportunterricht. Damals ging die Sonne erst am Mittag auf und des Nachts erschien nach Mitternacht im Fernsehen ein von einem Sinuston untermaltes Testbild. Internet hieß Stadtbibliothek und ein Mobiltelefon hatte eine Reichweite von 5 Metern, denn länger waren die Kabel nicht, die von der Post zugelassen waren und von selbiger gemietet werden mussten.

Sport

Das Wort „Unterricht“ darf hierbei nicht darüber hinwegtäuschen, dass der standardmäßige Frühstücksmarathon über 42 Kilometer durch unwegsames, alpines Gelände mit 28 Kilogramm Unterrichtsmaterial und -literatur auf dem Rücken kein Zuckerschlecken gewesen ist. Barfuß. Auch im Winter.

Mathematik und Physik

Nach einer Stunde, 28 Minuten und 54 Sekunden dann Einlauf in den Mathematikunterricht. Zur Begrüßung hatte ein jeder von uns eine Rechenaufgabe zu lösen, wobei – das haben viele vergessen – das Ziehen der Wurzel aus einer 6stelligen Zahl bis auf die 8te Kommastelle zur Normalität der Anforderungen des Kopfrechnens zählte. Zur Entspannung folgte darauf die Auflösung der "Birch und Swinnerton-Dyer Vermutung"

Vor der Mittagspause diente uns die nähere Betrachtung der Navier-Stokes-Gleichungen im Kontext der Analyse der Probabilität der Defragmentierung nichtlinearer, partieller Differentialgleichungen zweiter Ordnung als Arbeitsvorbereitung für den nachmittäglichen Physik-Theorie-Unterricht.

Das war der Montag.

Biologie und Philosophie

Am Dienstag dann das eher praxisorientierte Herangehen an intra- und interzelluläre Prozesse im Biologieunterricht. Nachdem wir bereits in der 6. Klasse in der Bio-AG am Wochenende (!) eher zufällig und während eines Abstechers in die Biogerontologie einen Weg aufzeigen konnten, welcher die Seneszenz (Zellalterung) mittels des Einsatzes eines künstlichen Moleküls aufzuhalten vermochte, untersuchten wir die Folgen unseres Forschungsergebnisses auf die lebensnormative Prämisse der Endlichkeit als Voraussetzung für die ethisch-moralische Fundamentalstruktur der Gesellschaft, und kamen zu dem Schluss, dass die Menschheit noch weit entfernt davon ist, für derlei Dinge bereit zu sein – in unserem (freiwilligen) Philosophie-Seminar nach 18 Uhr. Kurz: Der Dienstag war uns eine willkommene Denkpause nach dem Montag und eine Stärkung für die Tage, die nun folgen sollten.

Hier möchte ich nun in Hinblick und mit Rücksicht auf die statistisch deutlich zurückgegangene Aufmerksamkeitsspanne im Kontext der Informationsaufnahmefähigkeit von geschriebenem Text direkt zur Abiprüfung '92 übergehen.

Abi '92

Sowohl in Mathematik, Physik, Chemie und Biologie hatten wir für die Lösung von jeweils 48 Aufgaben mit jeweils 16 Unterproblemstellungen 45 Minuten Zeit. Und zugegeben: Wir hatten uns damals schon ein wenig darüber gewundert, was wir nach Auflösung der Aufgaben wohl mit den übrigen 38 Minuten anfangen sollten, denn in den Prüfungsräumen war – damals wie heute – der Konsum von mitgebrachten Speisen oder die Unterhaltung untersagt.

Im Gegensatz zu den heutigen Akteuren war sich das Personal des damaligen Bundesministeriums für Bildung und Forschung dieses Umstandes sehr bewusst und erlaubte uns Schülern zum Zwecke der Erlangung von Sonderpunkten uns in dieser Zeit des Beweises der Poincaré-Vermutung anzunehmen, wofür wir damals sehr dankbar waren, denn die Zeit dauerte damals länger als dieser Tage, und eine Minute des Jahres 1992 entsprach nach heutiger Zeitrechnung in etwa 1,68 Minuten.

Und so wussten wir die Herausforderungsambition von Seiten des Ministeriums sehr zu schätzen, auch wenn uns schon seit der 8ten Klasse klar war, dass eine kompakte unberandete n-dimensionale Mannigfaltigkeit genau dann (n-1)-zusammenhängend ist, wenn sie homöomorph zur n-Sphäre ist und auf Basis der Poincaré-Dualität ein grundlegender Zusammenhang zwischen der Homologie und der Kohomologie von orientierbaren Mannigfaltigkeiten besteht – den es gilt mittels der Abbildung von offenen Teilmengen des reellen Vektorraums herauszustellen und im Rahmen differentialgeometrietheoretischer Berechnungen einer überabzählbaren Ergebnismenge zuzuordnen. Aber was soll's, macht man's halt, schließlich galt es die Zeit totzuschlagen.

Und das Ende vom Lied: Das glaubt einem doch heute kein Mensch mehr... ihr Pappnasen.