Eine nicht selten verwendete Betitelung von Werken aus dem Bereiche der abstrakten Malerei oder Skulptur lautet "o. T." – ohne Titel. Fand der Künstler keine eindeutige Bezeichnung für sein Werk? Wusste er nach Fertigstellung seiner Arbeit nicht mehr, aus welchen Gründen er begann, Leinwand oder Gestein zu malträtieren?

...oder steckt hinter diesem vermeintlichen Verlust intentionaler Werkdefinition ein höflich versteckter Anspruch an den Betrachter des Werkes, dessen Erschaffer sich eher als Werkzeug versteht, denn als Schöpfer?

Ist das Kunst oder kann das weg?

Auf Vernissagen oder im Rahmen von Retrospektiven finden sich nicht selten zumeist in Schwarz- oder Grautönen gekleidete Protagonisten mit Strick- oder Baskenmütze, welche im räumlichen Vorfeld ihrer für Laien unverständlichen Kritzeleien oder Andeutungen von Gegenständlichkeit auf bewusst gewähltem Vorschulniveau irgendwas von "Reduktion" oder einer "subtilen Konvergenz des Auslassenden" absondern – und es ohne Zweifel sehr ernst damit meinen.

Wahlweise wird der Betrachter mit den Folgen einer Farbverpuffung konfrontiert, welche die Hausratversicherung des Künstlers nicht abdeckt und diesen zur Begleichung der Schadenskosten dazu zwingt, den durch die Explosion verursachten Farbauftrag unter Bemühung eines kunst- und kulturbegrifflichen Indeterminationsparameters in ein Werk zu wandeln, dessen nähere Beschreibung den Wortfindenden in hohem Bogen aus dem erwählten Kreis der Kunstverständigen katapultiert und dessen Marktwert sich u. a. auch von dessen intellektueller Unfassbarkeit zu nähren weiß.

Kunst ist im Prinzip ein vergegenständlichter Rausch, welchem die Unerhörtheit innewohnt, von einem nüchternen Betrachter als in sich selbstverständliches Bedeutungsvakuum anerkannt werden zu wollen, welches sich gar der externalen Begrifflichkeit entziehen muss, um "a priori" eine objektive Bedeutungsebene beziehen zu können.

"Geht gar nicht!", so der Kunstkritiker Moritz Vogel, Leiter Fachbereichs Kunst der Entzugsklinik Bad Hadesburg. Laut Vogel kann sich ein angemessener Interpretationshorizont unter 2 bis 3 Promille gar nicht erst entfalten, womit sich Kunst unter gegebener, gesellschaftsnormativer Annäherungsprämisse einer adäquaten Betrachtung entziehe. Moritz Vogel ist als Kunstkritiker ein weltweit gemiedener Experte auf dem Gebiete der alkoholisierten Kunstbetrachtung.

Abstrakte Kunst und Alkohol

Modernes Kunstverständnis & Nüchternheit – Ein Widerspruch?
Fotoquelle "Sich übergebende Dame": © Martin Creed – Work No. 503 (Screenshot) (Mit freundlicher Genehmigung)

Bezüglich dieses Diskurses beruft sich die Kunstszene gerne auf Kants kritische Analyse ästhetischer Urteile. Kant weist in 4 Thesen darauf hin, dass sich die Beurteilung des Ästhetischen (u. a. auch Kunst) nicht auf objektive Eigenschaften des Gegenstandes beziehen könne und die Bedingungen der Prädiktion ästhetischer Begriffe dem Gegenstand eine "Form der Zweckmäßigkeit" zuschreiben, ohne dass jedoch ein Zweck als Beurteilungskriterium benannt werden könnte.

Entgegen Immanuel Kant bemerkte Bernhard Balthasar von Künzel in seiner philosophischen Abhandlung "Die Ästhetik des Unverständlichen – Der Versuch einer Annäherung an die abstrakte Kunst" aus dem Jahre 1923: "Ja, scheiß doch die Wand an!"

Die Betrachtung abstrakter Kunst im Kontext alkoholischer Gärung

Gleich zu Beginn meiner Annäherung an das Thema der sherryfassgelagerten Kunst-Exegese muss ich zu meinem persönlich erfahrenen Leidwesen bemerken, dass das unter Zuhilfenahme gärungs- und reifeprozessierter Liquide forcierte Bemühen um das Ergründen und Verstehen von moderner abstrakter Kunst von Seiten musealen oder galeristischen Leitungs- und Aufsichtspersonals weniger mit Wertschätzung, denn mit einem Hausverbot belegt wird.

Ich selbst fand den perzeptionell-intellektuellen Zugang zu einer (abstrakten, dennoch formschönen) Skulptur von Hans Arp erst nach einer 4 3/4stündigen, oben genannten Reflexionsmethode und mich – nach einem mir nicht mehr vollständig erinnerlichen Handgemenge – in einer Ausnüchterungszelle wieder, aus welcher ich Sie herzlich grüße!

DER ZEITSPIEGEL wünscht ein schönes, kultiviertes Wochenende!