Satire: Arier-Nachweis - Burschenschaft

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Konrad M., Burschenschaftler aus Überzeugung, erwachte in den frühen Morgendstunden vollkommen erblondet aus seinem feuchten Arier-Traum und tastete, noch völlig schlaftrunken, seinen neugewonnenen, stramm gezogenen Scheitel ab.

Erst gestern diskutierte man noch in Eisenach die Einführung eines "Ariernachweises" und schickte Konrad mit der Vision von einem reinblütigen germanischen Ariertum inmitten der Schatten einer beschmutzten Vielvölker-Sumpflandschaft in den unruhigen Schlaf. Vor seinen inneren Augen erhob sich alsbald eine Insel der reinen Rasse aus dem Meer der mischehen-geschwängerten völkischen Bedeutungslosigkeit und entledigte sich der Schlacke der von Völkerwanderung und Überfremdung unterminierten Unbeflecktheit seines vielgeliebten deutschen Bodens. Ein Schauer nationaler Ergüsse lässt ihn erwachen.

Konrad ist erschöpft. Konrad ist... Arier? Darüber hatte er sich noch nie seine Gedanken gemacht. Seine ersten, noch unsicheren Schritte führen ihn zum Bücherregal. Neben Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" findet sich ein verstaubtes Lexikon. A, Archaikum, Archetypus, Arschloch. Zu weit geblättert. Ah, da, Arier: "altind. arya, "der Edle". Altindisch? Konrad wird unruhig. "Belegt ist die Selbstbezeichnung aryā jedoch nur aus dem Iran ... Indien". Konrad wird schwindelig, kalte Schweißperlen sammeln sich auf seiner Stirn, rinnen seine Schläfen hinunter. "... zentralasiatische Steppe, nomadisierendes Hirtenvolk..." Konrad muss sich setzen. "...Vorfahren der heutigen iranischen Völker ... Perser, Paschtunen, Kurden..." Perser? Paschtunen? Kurden?

Vor Konrads inneren, dabei wachen Augen fallen die eben noch weit geöffneten, goldenen Tore einer glanz- und verheißungsvollen Vergangenheit gähnend ins Schloss. Konrad ist völlig mit den Nerven runter. Er tritt vor den Spiegel und kann sich nicht mehr in die Augen sehen. Es geht einfach nicht mehr. Konrad ist erblondet.

Bild: © Blendwerk