Von Außerirdischen, Waschmaschinen und geolokalen Sondereffekten der Raum-Zeit-Krümmung

Ein Blick in die blauen Wunder des Kosmos

Außerirdische

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Bürger, seid gewarnt! Nicht, dass sie sich im Körper einnisten, um zu einem denkbar ungünstigen Augenblick, z. B. einem Kindergeburtstag, die Brust des Wirts zu durchbrechen und mit einem ohrenbetäubenden Schrei ein blutiges Massaker anzukündigen. Nicht, dass sie die geistige oder körperliche Kontrolle ihres Wirtskörpers übernehmen oder mittels technisch überlegener Waffen und Raumfahrzeuge den Planeten unterwerfen wollten. Nein, sie sind viel brutaler! Sie setzen sich im Café oder der Stammkneipe, in den meisten Fällen aber im Rahmen von Parties oder anderweitigen Festivitäten unvermittelt neben einen hin und kauen einem ohne jede Vorwarnung ein Ohr ab und wissen dabei alltägliche Begebenheiten und Missgeschicke zu Ereignissen von epischen Ausmaßen aufzublähen und stehlen einem im Verlauf der Schilderungen vollkommen selbstlos kostbare Lebensenergie.

Sie kennen diese Typen: Sie zeichnen sich meist durch eine an Natürlichkeit grenzende Unauffälligkeit aus und wirken sehr entspannt, aktiv und irgendwie schon fast grundsympathisch. Es sind jene Gestalten, die beispielsweise aus dem banalen Umkippen und Herausfallen eines offenen und zuvor ungeschickt platzierten Milchbehältnisses (z. B. verursacht durch das zu ruckartige Öffnen der Kühlschranktür) eine Geschichte zu formulieren wissen, deren einzige und für den Zuhörer leidliche Folge im Wesentlichen in der nachhaltigen und zeitraubenden Selbstbeeumelung des Erzählers besteht.

Das ob der unbestreitbar freundlichen Art des Angreifers zur Zuhörerschaft verdammte Opfer ist aus Gründen der Höflichkeit schon nach wenigen Sätzen dazu verurteilt, durch dauerhaftes Lächeln und ständigem Nicken Amüsement und Aufmerksamkeit vorzutäuschen und dabei inmitten "fröhlicher" Unterhaltung auf grausame Weise einsam inmitten vieler mental zu verenden. Und während man geistig dem "Gespräch" zu entfliehen sucht und in Gedanken barfuß durch die Atacama wandert und auf einen terminalen Sonnenaufgang hofft, setzt diese Wesenheit zum Todesstoß an und erläutert die weitere Verkettung von Ereignissen seines restlichen Tages – die nach Empfinden des Vortragenden unumstößlich mit dem zuvor beschriebenen Vorgang des Ungeschickt-Seins und dessen Konsequenzen in Verbindung stehen.

Wenn diese Gesellen dann mit ihnen und den anderen fertig sind, verlassen sie die Party und nach allen Parties dieser Erde den Planeten und gehen mit ihrem Sendungsbewusstsein der nächsten Weltbevölkerung auf den Keks.

Waschmaschinen, Aliens und die Raumzeit
 

Von Raum und Zeit und Waschmaschinen

Dabei gibt es durchaus Alltäglichkeiten, die verblüffen – würde man ihnen nur mehr Beachtung schenken. So ist es beispielsweise wissenschaftlich erwiesen, dass handelsübliche Waschmaschinen im Laufe ihres Betriebes temporäre Raum-Zeit-Anomalien hervorrufen, in Folge derer z. B. Socken spurlos verschwinden, um dann, Monate später, unvermittelt in einem völlig anderen Waschgang wieder aufzutauchen.

Ebenfalls verursacht die von Einstein postulierte und wissenschaftlich bestätigte Raum-Zeit-Krümmung gravierende Verzerrungen im geostatischen, bzw. geolokalen Gefüge – mit weitreichenden Konsequenzen auf dem Felde der absoluten Standortbestimmung von Gegenständen. Wo eben noch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Haustür- oder Autoschlüssel platziert war, findet sich urplötzlich alles, nur nichts, was der Charakteristika eines Gegenstandes entspräche, mit welchem sich ein Haus öffnen oder ein Auto starten ließe. Die Ursache hierfür findet sich in einer spontanen, dabei partiellen und lokal begrenzten Expansionsphase des raumzeitgekrümmten Kontinuums. Diese bewirkt, dass sich die Örtlichkeit der Schlüsselablage (samt Schlüssel) für einen sehr sehr kurzen Augenblick – sagen wir mal – auf einer abgesprengten Eisplatte im Nordpolarmeer wiederfindet und sich somit der Wahrnehmung und dem Zugriff durch den Schlüsselsuchenden – sagen wir mal in Lüdenscheid – entzieht.
 

Scheibenwelten

Der moderne Mensch belächelt heute die antike Annahme, die Erde sei eine Scheibe. Völlig zu Unrecht, wie führende Wissenschaftler jüngst beweisen konnten. Demnach ist die Möglichkeit einer durch eine gegenläufige Raum-Zeit-Krümmung bedingte Scheibenbildung der Welt ein nicht zur Gänze auszuschließendes Phänomen, so dass in Betracht gezogen werden muss, dass der Schluss, die Welt sei eine Scheibe, zu einer Zeit gezogen wurde, da die Raum-Zeit-Krümmung eine "Entspannungsphase" durchlief und die Erde folgerichtig so flach war wie ein überfahrenes Opossum – um sich nach Beendigung dieser Phase wieder ordnungsgemäß zu krümmen.

Innerhalb einer solchen "Flachphase" lagen die Kontinente folgerichtig näher beieinander, was zu einem einheitlicherem, zumeist gemäßigtem Weltklima führte. Letzterer Umstand erklärt auch, wie der Mensch sich auf dem gesamten Globus ausbreiten oder sich in aus heutiger Sicht eher unwirtlich anmutenden Regionen der Welt wie z. B. dem ewigen Eis ansiedeln konnte. Dort, wo heute teils kilometerdicke Eispanzer den Erdboden bedecken, muss der Mensch mit erheblichen Wandelerscheinungen konfrontiert worden sein. Eben noch frühlingshaftes Bachgeplätscher, Ackerbau und Viehzucht und plötzlich – Entspannungsphase – Streusalzmangel, fehlendes Feuerholz und keine Ahnung vom Eisfischen.

Im scheinbaren Gegensatz hierzu z. B. die Sahara und ihre Bewohner. Wer heute glaubt, ein vernunftbegabter Mensch würde eine endlose Aneinanderreihung von Sandhaufen freiwillig sein Zuhause nennen, der irrt. Zu Zeiten der Besiedelung handelte es sich auch hier nachweisbar um fruchtbares Land. Erst das Ende oben angeführter Entspannungsphase wandelte dieses Paradies in eine der lebensfeindlichsten Regionen der Erde. Entgegen der nördlichen Regionen musste sich die Landmasse infolge einer weit umfänglicheren Rück-Krümmung der Oberfläche massiv ausdehnen. Die bei der Dehnung jedweden Materials auftretende Wärmentwicklung sorgte binnen kürzester Zeit für Trockenheit und unerträgliche Hitze. Eben noch süß duftende, erfrischend laue Winde durch erquickendes Grün und plötzlich bis auf die Knochen verstimmte Moorhühner ohne Zukunftsperspektive.
 

Rache ist Blutwurst

Und so bleiben uns die kosmischen Dimensionen des scheinbar Alltäglichen im Verborgenen, derweil ein genauerer Blick uns augenblicklich Zeuge der atemberaubendsten Spektakel werden ließe, welche das Universum derzeit zu bieten hat. Dennoch dürfen wir zuversichtlich sein, dereinst unseren Nutzen aus dem großen Wunder zu ziehen, dessen Teil wir schon längst sind, um in einer nicht allzu fernen Zukunft in der Lage zu sein, ahnungslosen Außerirdischen darüber ein Ohr abkauen zu können... denn die Hoffnung stirbt zuletzt und Rache ist Blutwurst!

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