Ein EU-Austritt unter Erhalt aller Zoll- und Handelsvorteile bei Aussparung finanzieller Verpflichtungen gegenüber den Partnerländern: Lange verfiel man in den altehrwürdigen Räumlichkeiten von Downing Street 10 sowie Ober-, Unterhaus und geistigem Hinterhaus dem Glauben, am einstigen Empire führe auch für Resteuropa kein Weg vorbei. Dass sich europäische Festlandwirtschaft und -politik nunmehr anschicken, doch ein klares Bild von einer EU ohne das Vereinigte Königreich zeichnen zu können, verschaffte den ein oder anderen langsam aus ihren Großmachtträumen erwachenden Abgeordneten in London die erste europapolitische Nahtoderfahrung.

Die Unruhe auf dem Inselstaat wächst und bei allem Stolz entdeckt eine bis dato nur den Nachteilen der EU zugewandte Bevölkerung, dass ihnen ihre Regierung da die ein oder anderen Details vorenthalten, zumindest aber nicht allzu deutlich vor Augen geführt hat, und Tweet, Haggis, Teletubbies und Whiskey sowie ein paar kostspielige Maßschneider in der Sevile Row allein nicht ausreichen, um einen alten Kahn wie die Great Britain durch soetwas geschichtsverachtendes wie die Zukunft steuern zu können – Finanzplatz oder Steuerparadies hin oder her.

Nach innen und außen gilt es für Theresa May und die Brexit-Befürworter nicht das Gesicht zu verlieren und nur zu gerne würden die Protagonisten den der EU zuvor stolz und trotzig entgegestreckten, inzwischen politisch arg erblassten und von leichten Striemen in Mitleidenschaft gezogenen Hintern wieder und dabei etwas unauffälliger in die Hüllen der Vernunft zurückgleiten lassen. Aber wo ist der sprichwörtliche englische Nebel, wenn man ihn mal braucht?

Entgegen aller Erwartungen hat sich das Blatt nun dennoch gewendet und Downing Street Number 10 einen Weg gefunden, den britischen Hintern auch weiterhin in der dem euroäischen Festland zugewandten Position belassen zu können. In den gestrigen Abendstunden erreichte die EU die Antwort auf alle Fragen und good ol' Britain öffnet zu aller Überraschung seine bis dato beverschränkten Arme für Europa und lädt das an und für sich unwürdige Festlandvolk dazu ein, sich dem Vereinigten Königreich unterzuordnen anzuschließen, um gemeinsam die Vorteile einer gewohnheitsrechtsbasierten Ober- und Unterhaus-Traditions-Firlefanz-Veranstaltung mit Monarchie-Sahnehäubchen genießen zu können, die selbst ein wirklichkeitsfremder klischeeaffiner Regisseur mit tiefverwurzelter Sucht nach aristokratischem Stallgeruch ohne Entlüftungseinrichtung nicht schlechter in Szene setzen könnte – und doch bisweilen sehr unterhaltsam sein kann, lebt man auf einer Insel wie dieser, auf der man mitunter nichts bessers zu tun hat, als den feinen Geschmack von Wildbret in Pfefferminzsauce zu annihilieren oder Kartoffelchips mit Essig zu versehen um das beständig miese Wetter als gar nicht mehr so schlimm zu empfinden, in dessen Lichtschattenspiel sich eine Vielzahl von Eigenartigkeiten ersinnen lassen, deren Wahnsinn man nur erträgt, indem man ihm das Attribut "Tradition" zueignet.

Brexit, EU, Vereinigtes Königreich

Der 854seitige Vertragsentwurf sieht nebst der Einführung des europaweiten Linksverkehrs und der Umstellung von Sommer-/Winterzeit auf "Teatime" die Entfernung von Kreuzen und deren Ersatz durch das Antlitz der britischen Monarchin vor. Theresa May wird die päpstliche Stelle in Rom übernehmen und damit den zweiten englischen Statthalter Christi nach Hadrian IV stellen. Die Ode an die Freude wird auf Wunsch des Unterhauses im britischen Sinne überarbeitet, was akustisch einer in einem mit Küchenabfällen gefüllten Lammmagen abgespielten Variante von "Rule Britannia" und "Tiptoe Through The Tulips" entspricht. Darüber hinaus wird sämtlichen Regierungsmitgliedern ein niederrangiger Adelsstand zuerkannt. So darf sich z. B. Angela Merkel nach vollzogenem Anschluss "Marchioness of the Uckermarck" nennen, muss aber auf das Tragen von Hosenanzügen verzichten und ist vom eigenständigen Schließen von Autotüren ausgeschlossen – erhält aber ein dickes Lob, tut sie es (Revolution!) trotzdem.