Das Perpetuum mobile des Ungehagens oder „Die deutschen Gelbwesten“

Haben Sie sich in den letzten Tagen angesichts der Proteste in Frankreich auch gefragt, wo denn eigentlich die deutschen Gelbwesten sind?

Gelbwesten Deutschland

Nee... jaa, kein Perpetuum mobile: Abstrakte Symbolisierung deutscher Solidaritätsbefindlichkeiten.

Wir haben sie gefunden und die Gründung der Bewegung "Gelbwesten Deutschland" für Sie protokolliert:

  1. Gründung der „Gelbwesten Deutschland“ und Ankündigung eines Grundsatzprogramms.
  2. Wahl dreier Vorsitzender und jeweils zweier Stellvertreter sowie des Pressesprechers, des Kassenwarts, seines Taschenrechners und des Schriftführers.
  3. Mitgliederdebatte: Einigung über Feststellung eines Grundsatzprogramm-Feststellungsverfahrens.
  4. Einberufung einer Grundsatzprogramm-Ethik-Kommission zum Zwecke der Aufsicht der Grundsatzprogramm-Feststellungskommission.
  5. Gründung von Grundsatzprogramm-Feststellungskommission und Grundsatzprogramm-Ethik-Kommission zur Ausarbeitung eines Forderungs- und Absichtskataloges.
  6. Sondersitzung zur Wahl der Mitglieder von Grundsatzprogramm-Feststellungs- und -Ethik-Kommission.
  7. Diskussion um unverhältnismäßig geringen Frauenanteil in den Grundsatzprogramm-Gremien.
  8. Wahl und Berufung einer Frauenbeauftragen.
  9. Diskussion um verhältnismäßig geringen Anteil von Mitgliedern mit Migrationshintergrund in den Grundsatzprogramm-Gremien.
  10. Wahl und Berufung eines Beauftragten/Sprechers von Mitgliedern mit Migrationshintergrund.
  11. Diskussion um verhältnismäßig geringen Anteil von Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung in den Gremien.
  12. Wahl und Berufung eines Behindertenbeauftragten.
  13. Diskussion um verhältnismäßig geringen Anteil von Transgender-Mitgliedern und Verurteilung der diskriminierenden Bezeichnung "Mitglied".
  14. Wahl und Berufung eines Transgender-Beauftragten/Sprechers.
  15. Wahl von je 5 Grundsatzprogramm-Feststellungs- und -Ethik-Kommissionsvorsitzenden und jeweils zweier Stellvertreter.
  16. Einberufung einer Sondersitzung zur Bestätigung der Sonderbeauftragten durch die Mitglieder.
  17. Der Vertreter der Fraktion zum Schutze der transkaukasischen Hausstaubmilbe vor gesundheitlichen Belastungen durch beutellose Staubsauger betont die Wichtigkeit ganzheitlicher Betrachtungsweisen unter Einbeziehung auch jener Interessen, welche formell nicht durch die Grundabsichten vertreten erscheinen, doch unter Einbeziehung ganzheitlicher Betrachtungsgrundsätze des Urmanifests adressiert sein sollten – und erntet stehende Ovationen.
  18. Diskussion ob der Regelung der Stimmgewichtung der jeweiligen Interessenvertreter unter Berücksichtigung des Gesamtanteils der durch sie vertretenen Mitglieder innerhalb der Grundsatzprogramm-Feststellungs- und -Ethik-Kommissionen.
  19. Gründung eines Entscheidungsfindungskommissions-Unterausschusses zum Zwecke der Regelung der Stimmgewichtung der jeweiligen Interessenvertreter (unter Berücksichtigung des Gesamtanteils der durch sie vertretenen Mitglieder innerhalb der Grundsatzprogramm-Feststellungs- und -Ethik-Kommissionen).
  20. Wahl von fünf Entscheidungsfindungskommissions-Unterausschussvorsitzenden und jeweils zweier Stellvertreter.
  21. Diskussion um Kinderbetreuungsplätze während der Kommissions-, Ausschuss- und Unterausschusssitzungen und besondere Herausstellung des Gleichheitsgrundsatzes im Rahmen der eigenen Bewegung.
  22. Einberufung eines Kinderbetreuungsbeauftragten.
  23. Der Vertreter der Fraktion zum Schutze der transkaukasischen Hausstaubmilbe (vor gesundheitlichen Belastungen durch beutellose Staubsauger) beklagt mangelnden Willen zur Sacharbeit.
  24. Gründung einer Kommission zur Förderung der Sacharbeit.
  25. Wahl des Vertreters der Fraktion zum Schutze der transkaukasischen Hausstaubmilbe (muss man das jetzt jedes Mal voll ausschreiben?) zum Vorsitzenden der Kommission zur Förderung der Sacharbeit.
  26. Feststellung des Mangels an maßgeblich richtungsweisender Satzungsniederlegung.
  27. Gründung eines Satzungsunterausschusses innerhalb der Grundsatzprogramm-Feststellungs-Kommission unter Aufsicht der Kommission zur Förderung der Sacharbeit und der Ethik-Kommission.
  28. Wahl von sechs Satzungsunterausschussvorsitzenden und jeweils zweier Stellvertreter.
  29. Offizielle Gründungsveranstaltung mit Vorstellung der Ergebnisse der Arbeit der Grundsatzprogramm-Feststellungs- und -Ethik-Kommissionen, des Entscheidungsfindungskommissions-Unterausschusses und des Satzungsunterausschusses sowie der Einzelberichte der Sonderbeauftragten.
  30. Feststellung, dass unbedingt etwas getan werden muss!
  31. Stehender Beifall: Entlastung und Bestätigung der Vorstände und derer Stellvertreter sowie der Sonderbauftragten.
  32. Beschwörung der unumstößlichen Solidarität als Grundpfeiler der Wahrnehmung und Durchsetzung von Bürger- und Arbeitnehmerinteressen.
  33. Der Möglichkeit des Verlusts von kollegialem und/oder gesellschaftlichem Ansehen durch Arbeitsniederlegung – im Falle nur geringer Beteiligung breiter Anteile der Arbeitnehmerschaft aufgrund der Befürchtung breiter Anteile der Arbeitnehmerschaft, breite Anteile der Arbeitnehmerschaft könnten sich nicht am Protest beteiligen, womit die Arbeitsniederlegung geringer Anteile der Arbeitnehmerschaft in Anbetracht fehlender Arbeitsniederlegungen breiter Anteile der Arbeitnehmerschaft der ideellen, dabei praktischen Sozialmächtigkeit und -relevanz des Protestes entbehrt und in den Bereich gesellschaftskonformer und arbeitsmoralischer Bedenklichkeit zu rücken droht – wird ausdrückliche Beachtung geschenkt.
  34. Die oben stehende Formulierung wird als zu kompliziert erachtet und aus der Satzung gestrichen und durch eine Reihe von Emojis ersetzt.
  35. Beschluss der proteststrategischen Berücksichtigung der individuellen Work-Life-Balance der Mitglieder im Rahmen der programmatischen Streikdirektiven.
  36. Verschiebung von Arbeitsniederlegungen und Protestkundgebungen auf Sonn- und Feiertage und nicht-öffentliche Plätze wie Stammtisch oder Vereinsheim – außerhalb variabler Geschäfts- und Arbeitszeiten an Sonn- und Feiertagen und unter Berücksichtigung von Kinderbetreuungs-, Integrations-, Inklusions- und/oder Selbstfindungszeiten.
  37. Beschluss der Begrenzung von Lohnforderungen unterhalb unternehmensgewinnerwartungsgefährdendes Niveau zur Vermeidung  der Arbeitsplatzmigration in exterritoriale Niedriglohnmärkte.
  38. Beschluss der Vermeidung der öffentlichen Beanstandung ungerechter Verteilung von Gewinnen aus der Arbeit vieler zugunsten der Profite weniger sowie der Sozialisierung von Unternehmensverlusten angesichts erwartbarer medialer und politischer Verortung unter den Begriffen "Neid", "Neiddebatte", "links-grün-alternativ (versifft)" oder "Populismus" – unter programmatischer Inkaufnahme der Förderung von Bürgerverdummung sowie wirtschaftlicher Moraldressur und -manipulation...
    ...und schließlich kann man nicht alles haben im Leben, und wozu gibt es eigentlich günstige Ratenkredite und Privatinsolvenzberater?
  39. Der Sprecher der Fraktion zum Schutze der transkaukasischen Hausstaubmilbe (genau!) stellt fest, dass die Beseitigung von einkommensbedingten gesellschaftlichen Unterschieden den Verlust von individuellen wie kollektiven Reibungsflächen bedeutet, was das Schwinden von Zusammenkünften dieser Art – inklusive kostenloser Bockwurst mit Kartoffelsalat und eines hübsch gestalteten roten Papierfähnchens sowie unterhaltsamer Reden an verregneten Sonntagnachmittagen – nach sich ziehe, welche ihrerseits mehr für den Zusammenhalt der Menschen leiste, als der Entzug der inhaltlichen Basis dererlei Veranstaltungen.
  40. Diskussion um verhältnismäßig geringen Anteil von Menschen mit vorwiegend fleischloser Ernährung in den Vorständen und Antrag auf Laborprüfung des Kartoffelsalatrezepts auf nicht ausgewiesene nicht-vegane Bestandteile.
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