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Der Grieche ist überall und man kann nicht ständig so tun, als gäbe es ihn nur auf einem Schuldschein oder einem kleinen Archipel in einem Binnenmeer. Er ist hier. Gleich nebenan. "Bei Zeus". Also fein gemacht, den Jogginganzug gebügelt, die Adiletten mit Speiseöl behandelt, die Tennissocken gefönt und rüber ins griechische Restaurant. Man kriegt ja was für sein Geld. Die Bedienung ist freundlich und sauber. Ein gesetzter Herr mir Schnauzbart und einer sonoren Stimme begrüßt mich. Ich bestelle Spaghetti Carbonara ohne Ei und extra Schwarzwälder Schinken und einen kleinen gemischten Salat mit Kartoffeln.

Ari macht keine Spaghetti. Ari betont, es sei ein griechisches Restaurant. Da gebe es keine Spaghetti. Die habe es in Griechenland nie gegeben. Das könne hier keiner.

Ich bin ja echt nicht intolerant, aber mir reicht's schon. Überhaupt nicht wettbewerbsfähig der Laden. Griechisches Restaurant und keine Spaghetti. Gut, unwahrscheinlich, aber grundsätzlich möglich und darum geht es: Möglichkeiten, Potentiale. Und komm' mir jetzt nicht mit Realismus, Ari! Wenn hier alles auf Realismus aufbauen würde, dann wäre Europa nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern so, wie es ist, niemals zustande gekommen. Realismus ist der Verlust von Vision und Fantasie und nur mit viel Fantasie lässt sich eine Vision wie die einer Währungsunion unter Gleichen Umständen real unter das Volk bringen und an selbiges verkaufen. Sprechen sie mal mit Ihrem Investmentberater, Ari! Der kann ihnen nicht nur ein Lied davon singen, der hat ein ganzes Liederbuch! "Fantasie" heißt da zwar "Spekulation", wird aber gar nicht erst beim Namen genannt, sondern als vorstellbare (bildlich: etwas davor stellen (i.d.R. vor die Realität)) Erwartung dem virtuellen Raum entzogen und ihnen als fassbare Wahrscheinlichkeit (ihrerselbst als Teil eines annehmbaren, tatsächlichen Sachverhaltes) verkauft → Realitätsderivate! Wobei Finanzinstitute den Realitätsanteil nicht zu einem Teil des Genussrechts erklären, sondern nur das Derivat (lat. derivare "ableiten"). Und das ist (im Kern) variabel. Wie das Leben auch. Also realistisch.

Griechenland

Ari verlässt nach zähen Verhandlungen ob einer möglichen Spaghettivariante den Tisch und kommt ein paar Minuten später wieder. Er will das Küchenpersonal selbst entscheiden lassen.

Da brat' mir doch einer 'nen Storch – und den hat er auch nicht auf der Karte. Kommt der mir mit gelebter Demokratie. Da hat aber einer die Rechnung ohne den EU-Wirt gemacht. Und der schreibt vor, was das Volk will. Und das nicht einfach so, sondern auf der Grundlage eines klaren Wählerauftrags. Ähnlich wie bei Finanzderivaten ist die Absicht des Wählers (i.e. (Stimmen-) Investors) Gegenstand einer Vision eines annehmbaren, tatsächlichen und hier gewünscht herbeizuführenden Sachverhaltes. Da Sachverhalte von sich ständig verändernden, dem Wähler nicht immer einsichtigen Umgebungsparametern abhängig sind, ist die Absicht (also der erwünschte Sachverhalt) im Kern - wenn nicht variabel - zumindest interpretierbar, bzw. interpretationsbedürftig. Das versteht der Wähler aber nicht unbedingt und ist damit gar nicht in der Lage, mit seiner Stimme eine wirkliche Entscheidung treffen zu können, und diesbezüglich ist auch Politik am Ende nichts weiter als eine Dienstleistung.

Ari heißt eigentlich gar nicht Ari. Er heißt Aristoteles. Nach irgendsoeinem griechischen Hotelier, der auch Bücher geschrieben hat - oder gefälscht. Ich habe ihm dann diesen verrückten Kurznamen gegeben. So bin ich eben. Ein bisschen Kreativität im Alltag, und schon sind die Dinge ein bisschen lockerer.

Eigentlich ist Ari auch gar nicht schuld an der Misere. Er hatte das Restaurant erst vor kurzer Zeit von einer seit Degenerationen wirtschaftenden Betreiberfamilie übernommen. Die konnten Spaghetti, aber die waren - so stellte sich nach einem Blick der Lebensmittelkontrolle heraus - aus Papier. Dafür waren die Gerichte stets ansprechend garniert und die Gastgeber wurden nie müde, den einträglichen Kunden die Wünsche von den Lippen abzulesen und den Schein (in der Kasse) zu wahren. Die sind nun über alle kretischen Berge und auch von den Scheinen ist nichts mehr da. Die liegen auch über alle Berge verstreut, vor allem denen der Schweiz.

Mensch Ari! Da hat man dir und deinem griechischen Volk Milliarden in den Arsch geschoben und irgendein sozialistischer Möchtegern knickt einfach ein und macht einen auf verständigen Menschenfreund. Bist ja gerade selbst schuld!

Und, wer zahlt's?

Und, wer bekommt's?

Griechenland: Wohin flossen die Milliarden
ZEIT-Online: Wohin flossen die Griechenland-Milliarden

Ari bringt Ouzo und wir lassen uns volllaufen. Jamas statt Jammern.

Falko Knizia - Der Zeitspiegel


Sehenswert

VOLKER PISPERS - Griechenland und die Vermögenskrise
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