Fahrverbote: Lungenärzte und die geistige Kurzatmigkeit von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer

Aus so manchem Loch kommt was gekrochen… und plötzlich hat’s nach Mist gerochen.

Es ist ein wissenschaftlich fundierter Befreiungsschlag für Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Endlich nicht mehr zwischen den Stühlen von wirtschaftlichen Interessen der Autoindustrie einerseits und dem gesundheitlichen Gemeinwohl andererseits. Letzteres geriet mutmaßlich in den schädlichen Dunstkreis von Autoabgasen.

Nun haben 113 (Unterzeichnerliste (PDF)) von rund 3800 angeschriebenen Personen (größtenteils Lungenärzte) ein Positionspapier (PDF) gezeichnet, welches die Gefährlichkeit von Feinstaub, den Nutzen von Grenzwerten und somit die Grundlage von Fahrverboten infrage stellt. Wissenschaftlich fundiert natürlich. Die restlichen rund 3687 schienen nicht gewillt, das Papier mit ihrem Namen zu unterstützen, aber für einen Bundesverkehrsminister, der sich nur ungern gegen die Interessen von Fahrzeughaltern und der Automobilwirtschaft zu stellen und somit seine post-politische Karriere (siehe Ex-Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann, der seinerzeit vom Deutschen Bundestag direkt in das Amt des Präsidenten des Verbandes der Automobilindustrie wechselte) zu gefährden wünscht, genügen 113 vollkommen.

Und so lässt sich denn auch – ohne persönliche Verantwortung übernehmen und tragen zu müssen – mit der Aussage „Wenn über 100 Wissenschaftler sich zusammenschließen, ist das schon einmal ein Signal“ der Hals aus der Interessensschlinge ziehen.

Wir brauchen eine ganzheitliche Sichtweise„, sagte der CSU-Politiker am Donnerstag im ARD-Morgenmagazin. Was das für ein Signal sein soll ist natürlich hinsichtlich des Verhältnisses von Zeichnern und Nicht-Zeichnern des Positionspapiers weniger eine Sache der Ganzheitlichkeit, denn von Interessen. Ganzheitliche Betrachtung würde nämlich – mal so den gesunden Menschenverstand bemüht – bedeuten, dass eher die Zahl der Nicht-Unterzeichner als „Signal“ zu verstehen wäre, und nicht umgekehrt. Ganzheitlich wäre, die Frage zu stellen, warum wirtschaftliche Interessen vor Umweltschutz und vor dem Schutz der Gesundheit stehen und letzterer überhaupt diskutiert werden muss. Ganzheitlich wäre die Frage, warum in diesem Land Abgas-Betrüger nicht hinter Schloss und Riegel kommen und angemessene Entschädigungen (und Umrüstungen) zu zahlen haben. Aber naja, man muss ja nicht bei jeder Gelegenheit Böses unterstellen, gell!?

Lungenärzte, Feinstaub, Fahrverbote, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer

Warum ausgerechnet Lungenärzte sich im Rahmen einer Debatte rund um Fahrverbote im Zusammenhang mit Feinstaubbelastung in die Diskussion schalten ist dabei zudem äußerst merkwürdig. Mitzeichner ist übrigens u. a. auch Prof. Dr. sc. tech. Thomas Koch. Dieser ist Institutsleiter am Institut für Technologie (KIT) in Karlsruhe und war zuvor zehn Jahre bei der Daimler AG tätig und wirkte an zahlreichen Innovationen für den Dieselantrieb mit. Ist der persönlich angepisst? Und was hat er auf einer Liste von Lungenexperten zu suchen?

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Es ist sehr wahrscheinlich, dass die wissenschaftlichen Daten, die zu diesen scheinbar hohen Todeszahlen führen, einen systematischen Fehler enthalten. Eine genauere Analyse der Daten zeigt, dass diese extrem einseitig interpretiert wurden immer mit der Zielvorstellung, dass Feinstaub und Nox schädlich sein müssen. Andere Interpretationen der Daten sind aber möglich, wenn nicht viel wahrscheinlicher“ heißt es da – wissenschaftlich fundiert.

Demzufolge sind also andere Interpretationen „möglich“ oder „wahrscheinlicher“. Gerne hätten wir gelesen, was Glaskugel und Kaffeesatz da noch so hervorgebracht haben, und mit uns wohl auch Nino Künzli, Vizedirektor des Schweizer Instituts für Tropenmedizin und öffentliche Gesundheit sowie Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene, der den Initiator des Positionspapiers – Prof. Dr. med. Dieter Köhler – in Hinblick auf ca. 30.000 Studien, welche zu einem ganz anderen Ergebnis kamen, als Laie bezeichnet (ganzheitlich).

Um die Seriosität des Positionspapiers (und derer, welche sich diesem nun bedienen) an dieser Stelle ausdrücklich hervorzuheben, möchten wir noch den unter Punkt 2 (Störfaktoren) des Papiers aufgeführten Text bemühen, welcher darauf verweist, dass auch andere, „zahlreiche Faktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Bewegung, medizinische Betreuung, Einnahmezuverlässigkeit von Medikamenten usw.“ die Lebenserwartung beeinträchtigen.

Diese Aussage mutet zwar so an, als würde man bei der Frage der Sinnhaftigkeit der Helmpflicht für Motorradfahrer ins Feld führen, dass diese auch fettreiche Kost dahinraffen könnte, aber, naja, wen juckts – und vor allem in der Lunge?

Kennen Sie den Begriff „Whataboutism„?

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