Da wird der Vorsitzende einer Partei, die zum Wahlzeitpunkt gerade mal 1/7 der Wählerstimmen auf sich vereinen konnte, aus Gründen einer Koalitionstradition zum Außenminister gemacht – wahrscheinlich auch, weil man mit marginalen Englischkenntnissen und dem Charme der Beulenpest bestens dafür geeignet ist - und dann mischt sich dieser in die inneren Angelegenheiten eines ihm völlig fremden Landes ein.

″Es scheint in Deutschland nur noch Bezieher von Steuergeld zu geben, aber niemanden, der das alles erarbeitet. Empfänger sind in aller Munde, doch die, die alles bezahlen, finden kaum Beachtung.″, poltert da ein fideler Marktliberaler aus der Nische seiner 8%-Weltsicht über das Urteil der Bundesverfassungsrichter zur Berechnung der Hartz IV-Regelsätze, bzw. den daraufhin neu entfachten Diskurs.

Guido Westerwelle und die spätrömische Dekadenz

Guido Westerwelle und die spätrömische Dekadenz

Die Diskussion habe ″sozialistische Züge″, heisst es da in McCarthy-Manier und kleine und mittlere Einkommen dürften nicht länger "die Melkkühe der Gesellschaft" sein, wobei wir und vermutlich auch die anderen Angehörigen dieser Herde, bisher der Auffassung waren, zur Melkzielgruppe zu gehören. Diejenigen, die vermeintlich keine Beachtung finden, versuchen dabei gerade in den Tarifverhandlungen wenigstens die Inflationsrate wieder reinzuholen oder, wie von der IG-Metall anvisiert, nicht ihre Jobs zu verlieren, um in einem solchen Falle nicht von einem selbsternannten Sprachrohr des Mittelstandes in den Dunstkreis niederen Parasitentums gedrängt zu werden.

6,6 Millionen Menschen beziehen Hartz IV in Deutschland. Davon sind etwa ein Viertel "Aufstocker", was heißt, sie arbeiten zwar (Vollzeit), verdienen aber zu wenig, um davon leben zu können und erhalten deshalb zusätzlich Hartz IV.

Nur gut, dass man sich den lieben langen Tag nach dem Anstehen in der Warteschlange der Agentur für Arbeit dann nicht noch von einer Mindestlohndebatte vermiesen lassen muss, während der von der Krise und dem Wettbewerb geschüttelte Arbeitgeber gerade an einer Gewinnwarnung* vorbeigeschrammt ist und nur noch unterbezahlte Jobs über die jüngst selbst gegründete Zeitarbeitsfirma vergibt.

*) Das Wort „Gewinnwarnung“ stand 2001 auf der Liste zum Unwort des Jahres. Dieser Begriff warnt vor dem Nicht-Erreichen prognostizierter Gewinne eines Unternehmens, sagt aber nicht aus, dass es keinen Gewinn gäbe. Im gleichen Jahr wurde Gewinnwarnung zum Börsenunwort des Jahres gewählt und 2008 zum österreichischen Unwort des Jahres.

Es wäre auch müßig, sich im Zusammenhang des Beziehens von Steuergeld die Frage zu stellen, warum nach marktwirtschaftlichen Kriterien längst untergegangene Finanzunternehmen staatliche Leistungen in Milliardenhöhe erhalten und daraus Boni oder goldene Handschläge für unfähige, ja kriminelle Mitarbeiter und Vorstände gezahlt werden und bisher noch keinerlei Konsequenz aus einer derart rücksichtlosen Vermögensvernichtung gezogen wurde, ja die Geschäfte ungeachtet der Geschehnisse geradewegs weitergeführt werden. Ach ja, sie sind systemrelevant und der Bürger nicht fähig derart komplexe Zusammenhänge zu verstehen!

Es wäre auch nur ärgerlich, müsste man sich damit auseinandersetzen, wie Millionen von Subventionen in Unternehmen fließen, die nach Ende des Subventionszeitraumes heuschreckengleich dorthin weiterziehen, wo die Politik wieder ein Vorzeigeprojekt benötigt und aus Steuermitteln nicht nur die Werkhallen, sondern auch gleich die Löhne der zukünftigen Sozialschmarotzer bezahlt werden, damit sich Lokalpolitiker Ihres Schlages Herr Westerwelle, die Schaffung von Arbeitsplätzen andichten können.

Man könnte auch beginnen, seiner Übelkeit darüber nachzugeben, dass arrogante, bornierte und realitätsferne Zumutungen wie Sie, Herr Westerwelle, bei einer Debatte wie dieser tunlichst darauf achten, die weit dickeren Brocken, die sich dieser Staat leistet, völlig auszublenden und sich dabei ein Minister- und Abgeordnetengehalt, nebst einer in Aussicht stehenden, üppigen Pension gönnen, während Sie die Leistung zum Wohle Ihrer Bürger dafür schuldig bleiben!

Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern.

Guido Westerwelle

Spätrömische Dekadenz?...Hartz IV-Empfänger??...

Leistung soll sich wahrlich lohnen und in diesem Lande gibt es mehr fleissige und verantwortungsbewusste, zielstrebige und ehrbare Bürger, Arbeiter und Angestellte, als dass ein polemisierender Effekthascher wie Sie Herr Westerwelle in der Lage wäre sie zu verleugnen oder gegen sozial Schwache aufzuhetzen.

Während allerdings gerade vor aller Augen Milliarden aus dem Fenster geworfen wurden und werden,

  • und die Verantwortlichen für die Bankenkrise nicht einmal im Ansatz zur Verantwortung gezogen werden und munter weiter wirtschaften, als wäre nichts geschehen,
  • während Unternehmen Steuervergünstigungen in Milliardenhöhe erhalten, und doch Arbeitsplätze vernichten, als handele es sich um Unkraut und
  • während in der Vergangheit öffentliches Eigentum privatisiert und in die Hände von gierigen Monopolisten manövriert wurde...

...während all dies geschieht den Mund so voll zu nehmen und sich gegen den schwächsten Teil einer Bevölkerung zu wenden, die unter der marktliberalen Politik der letzten 10 Jahre zu leiden hat und die Folgen auf ihren Schultern trägt und dabei noch den letzten Rest Respekt bewahrt hat, solchen Leuten wie Ihnen, Herr Westerwelle, nicht ebenfalls vor aller Augen den Schädel vom Rumpf zu reissen, grenzt an der Aufforderung zum Aufruhr.

Nicht Lustig!

 

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