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Es gibt sie noch, die alten Haudegen, denen die Küstengewässer mit ihren rasiermesserscharfen Klippen, Sand- und Felsbänken und unter Wasser verborgenen Unebenheiten nicht mehr bedeuten als eine weitere Herausforderung ihres seefahrerischen Könnens. Man kann sie weitläufig umschiffen, man kann dem Tiefenmesser pedantisch Beachtung schenken, man kann einen schiffseigenen Tiefgang von 8m maßgeblich zur Kenntnis nehmen, aber Seemannsschaft ist – Hand aufs Herz – nichts für Erbsenzähler. Was will Seemann mit einem herzlosen Radar, wenn eine Seekarte (von 1659) noch das Gefühl der schicksalhaften Einswerdung von Mensch und Natur und das Abenteuer der Unbestimmtheit zu adressieren vermag, während das Hochglanzprospekt der Kreuzfahrtreeder eben jene zum eitlen Spiel einer gelangweilten "Generation AIDA" verkommen lässt?

Costa Concordia: Seekarte

Ehrliche Handarbeit und alte Schule statt Radar: Handwerkszeug wahrer Seemannsschaft

Schon Kapitän Edward John Smith (Titanic) überließ Eisberge ihrer prinzipiellen Bedeutungslosigkeit und scherte sich nicht um die damals bekannten Eigenschaften jener Eisboliden, deren eigentliche Dimensionen sich erst unter Wasser bemerkbar machen. Ein Schiff fährt schließlich auf dem Wasser und wozu gibt es bitteschön so etwas wie Verdrängung (auch die der Gefahr)?

Auch Kapitän Francesco Schettino ist keiner, der sich an einem Eisberg und schon gar nicht an einer Klippe oder unterseeischen Erhebung stört und unnötige Gedanken an eine Kollision oder Havarie verschwendet, solange nur die Sonne die solariumgebräunte Haut auf Teint hält, der Wind die Wogen sanft gegen den Bug schmettert und dieser sich stählern seine Bresche durch die Wasser des Schicksals schlägt. Bruttoregistertonnen Baby! Das ist, was nebst einem unerschrockenen und mit allen Wassern gewaschenen Kapitän, auf den Meeren dieser Welt den Ausschlag gibt. Das ist was zählt!

Costa Concordia: Kapitän Schettino

Unterschätzter Haudegen: Kapitän Schettino (Foto: dapd)

Kreuzfahrer!? Erbärmliche Landeier! Mieten sich in einem schwimmenden Hotel ein und blicken ab und an über die Reling, um beim Anblick des endlosen Horizonts der unermesslichen Weiten des Ozeans dem Irrglauben zu verfallen, sie hätten Teil an einer Tradition, deren Anfänge weit zurückreichen in die Untiefen der Geschichte. Der Wahrhaftigkeit atmende Wellengang verkümmert zur bloßen Sehenswürdigkeit, derweil Stabilisatoren die Lüge der Beherrschbarkeit verbreiten und die Bordküche suggeriert ein Selbstverständnis jenseits der ehrlichen Entbehrungen vergangener Zeiten. Eine Fototapete im Zusammenspiel mit einem Duftspender und einer im Online-Handel erworbenen CD mit den digitalisierten Aufnahmen des analogen Rauschens der Unendlichkeit stehen da nicht wirklich im Gegensatz zu dem hier Gebotenen.

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Die Verbundenheit von Kapitän und Mannschaft ist dabei das unzertrennlichste aller Kettenglieder und der einzig sichere Hafen auf hoher unberechenbarer See. Umso mehr ist Kapitän Schettino aufrichtigste Hochachtung für die liebevolle Nähe zu seinen ihn anvertrauten Seelen auszusprechen, die in ihm nicht den geringsten Zweifel an der Machbarkeit seines waghalsigen Vorhabens aufsteigen ließ, als er die "Costa Concordia" auf Bitten eines Crewmitglieds so nahe an die Insel Giglio vor der italienischen Küste manövrierte, dass Mama und Papa dem einsamen Wanderer zur See hätten liebevoll die wonnigen Pausbäckchen tätscheln können - bei voller Fahrt.

Costa Concordia

Costa Concordia: Cruising Italian Style

Warum der Kapitän das Schiff nach der Kollision so schnell und nicht als letzter verließ, findet seine Ursächlichkeit in der kompromisslosen Ehrauffassung dieses Mannes: Schettino wollte nicht mehr und nicht weniger, als das Leck geschlagene Schiff mit seinen bloßen Händen und der ihm innewohnenden Kraft des unbeugsamsten aller Seebären aus den Krallen der eisigen Fluten befreien, was von Bord aus unter keinen Umständen möglich gewesen wäre. Dass ihm dies nun keiner glauben mag liegt eindeutig am Verlust vergangener Werte und dem damit verbundenen Unglauben, diese könnten noch irgendwo auf den Meeren dieser Welt existieren.

Steuer hart Backbord!