Heiligabend

Also wir hatten's richtig schön.

Heiligabend: Zeitspiegel

Bildausschnitt: © RICK MEYEROWITZ

Der Weihnachtsbaum

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Ein Weihnachtsbaum von der Stange? Nordmanntanne, Fichte oder sonst so ein Banalzapfentreiber? Geht gar nicht. Irgendwo da draußen steht er. Der Eine, der Besondere. Ab ins Abgelegene. Fast eine Stunde Fahrt, 3 Kilometer Fußmarsch. Keine befestigten Wege. Scheiß Bodenbrüter. Der Nachwuchs klebt an den Stiefeln und zieht Fäden. Riesensauerei. Weiter geht's. Da steht er! Da stand er. Bin ich zu laut? Im Naturschutzgebiet kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Schnell zurück. Hatte ich schon die Bodenbrüter erwähnt?

Der Weihnachtsmann

Wir haben uns dieses Jahr gegen einen Weihnachtsmann entschieden. Der Anti-Strahlen-Schamane phonetisiert sich mit einer Mischung aus Hopi, Hindi und dem Zitieren einer Bedienungsanleitung für eine japanische Geschirrspülmaschine in rückwärts gesprochenem Rätoromanisch in Trance. Eine rituelle Bewegungsdarbietung zwischen Tourette-Pantomime, spastischem Ausdruckstanz und Arthroseprophylaxe hat seinen Charme. Wir fühlen uns nach seinem Verschwinden gereinigt und befreit. War jeden Cent wert.

Das Weihnachtsessen

Kinder und der Anblick kleiner, knuddeliger Lämmchen, Rehkitze oder Häschen: Diese Freude! Auf dem Esstisch platzierte Fotos der im Bräter brutzelnden Jungtiere machen das Mahl persönlicher. Keule, Rücken und Schulter entspringen dem Schatten der Anonymität. Die Realitätsferne unserer Kleinen Mitesser schrumpft binnen Sekundenbruchteilen auf eine Nachbarschaft in Sicht- und Hörweite. Keinen Bissen kriegen sie runter. Auch die Schokolämmer bleiben – nach einem Scherz von Opa, der den Kleinen glaubhaft vermittelt, dass für die Herstellung der Leckereien kleine Schafskinder in Schokolade eingegossen würden, worin sie nach einer Weile erstickten – unangetastet liegen.

Bescherung!

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