Um Gottes Willen, keinen Jahresrückblick. Nicht nocheinmal den Kram durchkauen, der ohnehin schon so zäh zu verdauen war. Und war dieses Jahr nicht schon eine Wiederholung des letzten? Und ist nicht schon klar, wie es weitergehen wird? Die Welt scheint gefangen in einer handlungsorientierten Zeitschleife, so als würde das Schicksal alles daran setzen auch dem letzten Menschen über die ständige Wiederkehr von sich ähnelnden Ereignissen ein wenig Erkenntnis abringen und die Notwendigkeit zu Handeln näher bringen zu wollen – unmissverständlich.

Unmissverständlich waren denn auch die Geschehnisse des ausklingenden Jahres: Fukushima, die Euro-Krise, die Auswüchse einer radikal-kapitalisierten Gesellschaft mit ihren Auswirkungen auf das politische Tagesgeschäft und den damit verbunden Entscheidungen, welche sich zumeist gegen den gesunden Menschenverstand und sozialgesellschaftliche Verantwortung richteten und dabei dem Wertegefüge eines aus der Kontrolle geratenen Finanzmarktes unterordneten, dessen eigene (privatwirtschaftliche) Kontrollinstrumentarien die Unsicherheit nur zu verschärfen wussten. Die Politik eilte oder besser hinkte hinterher, ergab sich dem Diktat jener, welche für die Krise verantwortlich zeichnen und weiterhin auf den Schultern der Bürgerinnen und Bürger (Europas) unbeirrt ihren von Unersättlichkeit getriebenen Ritt fortsetzen.

Bei allem Willen, die Dinge auf die humorige Schippe nehmen zu wollen, fiel das Lachen zeitweise schwer und des öfteren enthielt sich DER ZEITSPIEGEL der satirischen Stimme, da uns - zugegeben - auch nichts mehr dazu einfiel. Der einzige Lichtblick in diesem Jahr ist eindeutig die FDP. Sie zog den Weltuntergang 2012 für sich bereits vor und beweist damit zumindest einen gesunden Fortschrittswillen, den wir uns aber schon bei der letzten Bundestagswahl gewünscht hätten.

Auch das auslaufende Jahr bot nichts mehr, dessen wir eine Perspektive abgewinnen konnten, die zumindest ein Schmunzeln hätte hervorbringen können. Die in der Aufklärung befindliche Mordserie an Mitbürgern mit Migrationshintergrund im Namen einer "nationalen Bewegung" vor den Augen des Verfassungsschutzes, der hier sogar eine zwielichtige Rolle einnahm, verschlug uns mehr oder minder komplett die Sprache, während uns andererseits das unterschwellige Anwachsen rechten Gedankenguts angesichts eines fehlenden nationalen Selbstverständnisses, das zumindest auf einem solidarischen und sozial geprägten Patriotismus beruhen könnte, kein Wunder nimmt.

Wundern darf man sich hingegen angesichts einer breit getretenen, dabei aber an Banalität grenzenden Kreditaffäre um Bundespräsident Christian Wulff. Das ausufernde politische und öffentliche Echo nahm und nimmt Ausmaße an, die uns der Vermutung nahe bringen, dass sich vor allem eines in den Köpfen durchgesetzt hat: abgestumpfte (innen-)politische Langeweile.

Dass willkürlich anmutende Strom- und Energiepreise eines monopolistisch angehauchten Energiemarktesunter dem Schutz einer von Blindheit geschlagenen Regierung – jedwede Lohn- und Gehaltserhöhung bereits kurz nach Abschluss der Tarifverhandlungen im Sog steigender Lebenshaltungskosten verpuffen lässt; dass von etwas knapperen Jahresüberschüssen oder eklatantem Missmanagement "geplagte" Unternehmen auf die Reduzierung von Arbeitsplätzen setzen, als auf neue und den Erfordernissen angepasste Strategien und dass die privatwirtschaftliche Ausrichtung sozialer Absicherungssysteme zusehends eine ganze Nation amerikanisiert und die Hinnahme ebensolcher Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt ohne einen geregelten und menschengerechten Mindestlohn die Gesellschaft spaltet, sind zwar auch Gegenstand der täglichen Berichterstattung, scheinen aber nicht zuletzt aufgrund der Beständigkeit der jeweiligen Thematik nicht mehr mit derselben Nachdrücklichkeit dem Willen zur "Aufklärung" Ausdruck zu verleihen, mit welcher sich über einzelne und dabei handhabbarere Personen das Maul zerrissen wird - anstatt auf höherer Ebene wirkliche Konsequenzen zu erzwingen (auch betreffs Herrn Wulff).

Eine private und an Sadismus grenzende Unterhaltungsindustrie sorgt zu allem Überfluss auch noch mit schadenfreudigen, voyeuristischen (und umso erfolgreicheren) Fernsehformaten für den finalen, mit Leichtigkeit vermittelten Todesstoß in das Herz eines ohnehin nicht tief verwurzelten Miteinanders, welches in Anbetracht der Zersetzung sozial-menschlicher Grundwerte der Entsolidarisierung mit all ihren zu erwartenden Folgen den Weg ebnet und macht den geneigten Betrachter in seinen heimischen vier Wänden glauben, in seinem Wohnzimmer von der Entwertung seines Daseins verschont zu bleiben.

Am Ende kann man keiner noch so von der Bevölkerung entkoppelten Regierung einen Strick daraus drehen, sich von eben jenen Belangen abzuwenden, zu deren Hinwendung sie per Wählerauftrag bestimmt ist. Denn wo sich keine protestierende Stimme mehr erhebt verkommt die Verantwortung zum selbstgerechten Spiel der Eitelkeiten.

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Zum Jahresende möchten wir Ihnen dieselben Wünsche für das neue Jahr mit auf den Weg geben, welche wir Ihnen schon 2010 ans Herz gelegt haben:

Offen, ja unverschämt direkt, wurden wir in diesem Jahr deutlich darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es ist, einen Kreis von vertrauten, geliebten und verständnisvollen Menschen um sich zu haben, so "klein" dieser auch sein mag, für die es wert ist da zu sein und all die Last zu tragen und ohne deren wohlwollenden Spiegel und wärmende Nähe wir vielleicht dieselben Dummheiten und Fehltritte begehen würden, die uns Tag für Tag so selbstverständlich zugemutet werden.

Angesichts der Begebenheiten, welche dieses Jahr prägten, ja diesen zum Trotze, das Vertrauen in und die Liebe für den Nächsten, aber auch das Selbstvertrauen und die Freude an seiner selbst und einem lebens- und liebenswerten Dasein nicht aus den Augen zu verlieren, soll uns tragen und die Umarmung sein, die wir Ihnen für das neue Jahr auf den Weg geben möchten und Ihnen von ganzen Herzen wünschen.