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Es war wieder einer dieser Morgende. Kim Jong Un hat schlecht geschlafen. War aber auch ein schräger Traum letzte Nacht. Sein einbalsamierter Vater erschien ihm im Dunkel und steckte ihm nach einer zu Herzen gehenden propagandistischen Rede einen Blumenstrauß in den Hintern, um sich danach unvermittelt in einem aufgewirbelten Meer vieler tausend roter Fahnen aufzulösen. Kim ist unruhig. Die Heuschreckenmilch will auch nicht so recht schmecken. Kim braucht Ablenkung. Eine große Ablenkung. Ja sogar eine Ablenkung von der Ablenkung. Vielleicht könnte ein Atombombentest die Stimmung anheben. Ja, das ist gut möglich. Mal sehen. Ein persönlicher Anruf bei der Heeresleitung und Kim atmet erstmal durch. Es sind noch Bomben da und man hat sofort Verständnis für seine menschlichen Bedürfnisse und in drei Stunden wird alles soweit sein. Doch Kim zweifelt. Wird es den Morgen retten? Naja. Man könnte ja vorsichtshalber den Aufmarsch von 100.000 Mann vor dem Präsidenten-Balkon veranlassen. Ja, das klingt gut. Fühlt sich gut an. 200.000 Mann sind besser. Sicher ist sicher.
 

Kim Jong Un

Kim Jong Un: Holla die nordkoreanische Waldfee... fühlt sich gut an!

Die spontanen Zurufe der Ehrenbezeugung seiner Soldaten, die er jetzt wirklich dringend nötig hat, hat er noch schnell seinem Sekretär telefonisch ins Ohr diktiert und auf die Tagesordnung setzen lassen. Schon zwei Minuten später sind die Instruktoren bemüht, den Männern noch vor dem Frühstück die anstehende freudige Begeisterung in Mark und Bein zu brüllen. Es soll natürlich wirken. Natürlicher als sonst. Kim ist ein feinfühliger Mensch. Völlig verkannt. Hinter seiner harten Schale schlägt das Herz eines Eichhörnchenbabies und er spürt, wenn die Gefühle seines Gefolges eher der Pflicht, denn der aufrichtigen Hingabe und Zuneigung entspringen. Allzuoft war nach den Begeisterungsstürmen da diese leise Ahnung, dass die Freude seines ihn liebenden Volkes irgendwie… aber darüber möchte Kim jetzt nicht nachdenken. Überall im Land hängen seine Bilder. Das ist Liebe. Basta!

Und doch: An manchen Tagen plagen ihn nach einem Durchgang durch die weinenden, von Gefühlen hin und her gerissenen, Fähnchen schwingenden Getreuen diese dumpfen Wallungen in der Magengegend. Auch spontane Erschießungen von politischen Gefangenen vor dem Nachmittagskaffee verschaffen nicht die erhoffte Erleichterung. Und auch da war immer diese leise Ahnung, dass es sich bei den Gefangenen nicht wirklich um angemessene Gegner handeln könnte. Flugblätter?! Aber was sind Flugblätter gegen Atombomben und einer Millionen Mann in Waffen? "300.000 Mann!" Reine Eingebung. Kim lässt den Appell noch schnell aufstocken und geht erstmal duschen. Das ist er seinem Volk schuldig.

Das warme Wasser benetzt seine zarte Führerhaut, Duftöle schmeicheln seiner Nase. Vorsichtig tastet Kim seinen Hintern ab: Keine Blumen!
 

Kim Jong Un und politische Gegner

Nicht egal, aber Wurst: Verarbeitung politischer Gegner

Ein Anruf der Heeresleitung: Der Test kann beginnen. Donnerwetter. Noch vor dem Appell. Es geht nichts über einen Atombombentest nach dem Duschen. Die Stimmung hebt sich. Die Männer im Hof stehen bereit. Sie sollen warten. Mit dem Hubschrauber schwebt Kim engelsgleich über das Paradies seiner Vorväter und 45 Minuten später findet er sich im Kreise seiner Generäle ein. Das Begrüßungszeremoniell ist gewohnt euphorisch, dann kann es losgehen. Dumpfes Grollen, ein spürbares Zittern. Ein kleiner Hügel in der Nähe des Bunkers glüht kurz auf, Dampfwolken vernebeln die Sicht. Schon wieder ein unterirdischer Test. Nicht wirklich was für's Auge. Nicht wirklich befriedigend. Nicht wirklich das, was sich ein Diktator wünscht. Kim fühlt sich unverstanden und die standrechtliche Erschießung der Generäle ist zu seinem ohnehin schon getrübten Leidwesen unvermeidlich. Kim fliegt zurück. Niedergeschlagen.
 

Kim Jong Un: Atomtest

Nukleare Begeisterung sieht anders aus: Unterirdische Atomtests

In Pjongjang regnet es in Strömen. Die 300.000 Mann warten sichtlich unterkühlt auf das Erscheinen des geliebten Führers. Kim weiß die unerträgliche Spannung noch zu erhöhen und wechselt die Kleidung. Etwas heller möchte er erscheinen. Heller als die Wolken. Heller als die Sonne. Der Hausschneider hat sofort Verständnis für seine menschlichen Bedürfnisse und nimmt Maß. 3 Stunden später ist es soweit. Die Flügeltüren des Balkons öffnen sich. 300.000 stahlharte Männer in durchnässten Baumwolluniformen hüsteln frenetisch die am Morgen einstudierten Hymnen auf den geliebten Oberkommandieren der glorreichen Armee der volkseigenen Republik. Kim entfleucht ein scheues Lächeln und muss dann doch zutiefst bewegt applaudieren. Seine Entourage tut es ihm gleich. Erleichterung liegt in der kalten Luft und der Jubel klingt noch lange nach und endet auch nicht, als Kim sich nach 2 Stunden an seinem Schreibtisch neuen Befehlen und Verordnungen widmet.

Papierkram. Alltag. Grauer Alltag. Kim fühlt sich schwach. Soll das alles gewesen sein. "War das dein Tag Kim Jong Un?" Da! Plötzlich. Ein Blitz. Ein Gedanke. Eine Vision. Ein Bild. Kim greift zum Hörer. Erst noch zögerlich, dann entschlossen. Kim spürt, wie die Kraft seiner Ahnen in ihm emporsteigt. Kim spürt, dass sein Volk jetzt hinter ihm stehen wird. Und auch sein Volk bedarf der Vision. Seiner Vision. Seiner Bilder. Vorbilder. Feindbilder. Egal, Hauptsache Bilder!

25 Minuten später vermeldet die nordkoreanische Weltpresse frenetisch die Nachricht von der emotionalen Genesung des geliebten Führers und des Befehls wahlloser Abschüsse von Boden-Luft-Raketen in Richtung des Japanischen Meeres knapp vor die Küste Südkoreas nach Gutdünken der instruierten Generalität. Herrje, es war so einfach. Es lag die ganze Zeit in der Luft. Kim hatte da stets nur so eine leise Ahnung und ist nun doch selbst überrascht. Kim entfleucht erleichtert säufzend eine liebevolle Angriffsdrohung an die Adresse der Nachbarn und der USA. Sein Adjutant bricht in Tränen aus. Der Füllfederhalter fällt ihm aus der Hand und versaut das weiße Tigerkaninchenfell zu Füßen des geliebten Führers. Ein Tintenspritzer benässt und befleckt die Entenkükenpantoffeln des Vaters der Nation. Es wird ihn das Leben kosten. Doch für Kim spielt das jetzt keine Rolle mehr. 9 Millimeter für den Adjutanten. Der Trübsal ein Ende!

Wer hätte je gedacht, dass ihn die Pflege eines seit langem vernachlässigten internationalen Konflikts so glücklich machen könnte? Sein soeben an einer kahlen Betonwand hingerichtete Therapeut? Niemals. Der hätte das nicht hingekriegt. Kim hat es ganz allein geschafft. Kim weint: "Ich bin doch auch nur ein Mensch!
 

Kim Jong Un: Raketenstart

Kim Jong Un: "Ich bin doch auch nur ein Mensch!"

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