Letzter deutscher Landser vor Moskau entdeckt

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Über 70 Jahre nach einer der schicksalhaftesten Schlachten des 2.Weltkriegs - Stalingrad - erreichte mich vor wenigen Tagen die ungeheuerliche Nachricht: Wilfried Kurtz, Unterfeldwebel der 6. Armee, hält seit Jahrzehnten in einem Grabenbunker unbeirrt die Stellung. Ich habe mich für den Zeitspiegel noch am Sonntag auf den Weg gemacht, um Wilfried Kurtz zu treffen.

Die Temperaturen haben schon schwer angezogen und das Gelände inmitten eines lichten Waldgebietes am Rande einer Ackerfläche in vager Sichtweite von Novyy Rogachik ist vom trüben Nebel in ein düsteres Licht gehüllt. Einheimische weisen mir den Weg, meiden es aber dem Erdbunker zu Nahe zu kommen. Ich habe mich vorsichtshalber in Kleidung der 40er Jahre gehüllt und nähere mich mit einer weißen Fahne. Durch einen Sichtschlitz sehe ich ein kurzes Aufleuchten, kurz darauf öffnet sich die marode Stahlklappe des Einganges des Bunkers.

Letzter deutscher Landser vor Moskau

Bunker "Wilfried"

Ich werde empfangen von einem gebrechlichen Mann in zerschlissener Wehrmachtsuniform. Wilfried Kurtz weist mir mit zitternden Händen den Weg durch den mit Holzbalken grob abgestützten Schacht. Der Bunkerraum liegt 3 Meter unter der Erde und misst knappe 9 Quadratmeter. Der lehmige Boden ist feucht und Wasser rinnt die Wände herunter. Das schummrige Licht einer Petroleumlampe erhellt den Raum nur notdürftig. Meine Augen benötigen eine ganze Weile bis sie sich an die Verhältnisse gewöhnt haben. Eine Leiter führt einen unterirdischen "Turm" hinauf zur Schieß- und Aussichtsscharte. Tageslicht hat dieser Raum nie gesehen. In der Mitte ein grober Holztisch, in der hinteren Ecke steht eine provisorische Pritsche, 2 Wolldecken, eine dritte dient als Kissen. An den Wänden von der Feuchtigkeit gewellte Bilder von General Paulus, Adolf Hitler und ein Adolf Hitler ähnlich sehendes Portraitfoto. Ein Funkgerät knistert und scheint nicht mehr funktionstüchtig.

Der Zeitspiegel: Herr Kurtz, was ist das für ein Bild da neben Paulus und Hitler?

Kurtz: Ein Bild eines Sohnes des Führers. Haben die mir im Laufe der Zeit vor meiner Stellung abgelegt.

Ich betrachte das Bild und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier jemand auf Kurtz' Kosten einen bösen Scherz erlaubt. Schlechte grafische Umsetzung, aber das ist nun unwichtig.

Hitler: Elvis

Der Zeitspiegel: Wer glauben sie hat es dort abgelegt?

Kurtz: Die Oberste Heeresleitung natürlich. Oder die Abwehr. Die können natürlich nicht einfach mir nichts dir nichts über das Feld da marschieren und mir mal eben Guten Tag sagen. Sind Nacht- und Nebelaktionen, von denen krieg' sogar ich nichts mit. Die lassen mich wissen, dass es weitergeht - verschlüsselt sozusagen.

Der Zeitspiegel: Werden sie auch von denen versorgt?

Kurtz: Nein, nein! Ich lebe hier von Wehrmachtsbeständen. Haben die damals einfach hier liegen lassen. Ich hab' die jetzt im ganzen Wald verteilt. Sicher ist sicher. Darf ich ihnen was anbieten?

Der Zeitspiegel: Nein, Danke! Vielleicht ein Glas Wasser.

Kurtz: Ein Glas habe ich nicht, da müssen sie schon mit einem Schluck aus der Feldflasche vorlieb nehmen. Ist aber trotzdem kein Grund zur Bescheidenheit. Ich decke mal auf, ich habe hier so selten Gäste. Wie sieht's eigentlich aus an der Front? Geht ja zäh voran. Kann doch nicht ewig so weitergehen!

Der Zeitspiegel: Deswegen bin ich hier Herr Kurtz. Sie sind ja nach menschlichen Maßstäben schon eine ganze Ewigkeit hier. Hatten sie nie Zweifel, dass da etwas nicht stimmt?

Kurtz: Ich habe meine Order und es gibt keine neuen Befehle. Was soll da bitte nicht stimmen?

Kurtz deckt den Tisch. Es gibt Dosen-Wildfleisch und Brot aus der Konserve.

Kurtz: Das ist was ganz Besonderes, gibt's nicht alle Tage. Aber das hier ist ja jetzt wohl ein besonderer Anlass, nicht wahr?

Ich vermute, dass die Wälder in denen dieses Tier einst äste, schon längst nicht mehr existieren. Die Weißblechkonserve des Schwarzbrots trägt das Produktionsdatum 7. Februar 1941. Das Brot scheint genießbar. Wilfried Kurtz ist für sein Alter noch recht rüstig, nur sein Zittern macht sich hin und wieder bemerkbar.

Kurtz: Greifen sie zu!

Der Zeitspiegel: Danke!

Kurtz: Wie haben sie es eigentlich geschafft zu mir durchzudringen?

Der Zeitspiegel: Ich habe ein Taxi genommen!

In Kurtz' bis dahin ausdruckslosem Gesicht entflammt kurzweilig blankes Erstaunen, dann zögert er, hält inne und bricht in schallendes Gelächter aus, welches kurz darauf von einem tiefschürfenden Husten erstickt wird.

Kurtz: Der war gut! Habe schon lange nicht mehr so gelacht. Gibt nicht viel zu lachen in diesen Zeiten.

Der Zeitspiegel: Haben sie nie versucht Kontakt zu den Menschen im Dorf aufzunehmen?

Kurtz: Ich bin doch nicht wahnsinnig, die schießen mich glatt über'n Haufen.

Der Zeitspiegel: Herr Kurtz, ist ihnen eigentlich klar - ich meine - ist ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, dass der ganze Krieg vorbei sein könnte?

Kurtz: Nein, wieso?

Der Zeitspiegel: Wann haben sie den letzten deutschen Funkspruch aufgefangen oder mit der Heeresgruppe gesprochen?

Kurtz: Das... das ist schon ein paar Jahre her, aber unter diesen Umständen natürlich verständlich... und für solche Fälle wurden wir ja auch ausgebildet.

Der Zeitspiegel: Gab es zuletzt Schusswechsel?

Kurtz: Nein, die trauen sich hier nich' ran. Die wissen nicht, wie stark wir befestigt sind, die haben keine Ahnung. Da bleiben die lieber weg... schätze ich.

Der Zeitspiegel: Könnte es nicht sein, dass da einfach niemand mehr ist oder es keinen Grund mehr gibt, gegen sie kämpfen zu wollen zu müssen?

Kurtz (lacht): Sie sind doch auch da! Oder wollen sie mir jetzt allen Ernstes sagen, dass der Krieg aus is'?

Der Zeitspiegel: Nun... Ja!

Kurtz: Dann erklären sie mir mal das Ausbleiben des Abzugsbefehls junger Mann. Warum sollte ich sonst noch hier sein? Glauben sie, ich mache das hier aus Jux und Dollerei?

Der Zeitspiegel: Mit ihnen hat keiner mehr gerechnet. Vor 59 Jahren sind die letzten Kriegsgefangenen heimgekehrt.



Kurtz: Wir haben unsere Gefangenen freigelassen?

Der Zeitspiegel: Nein, Herr Kurtz, die deutschen Kriegsgefangenen sind vor 59 Jahren aus der russischen Gefangenschaft heimgekehrt.

Kurtz: Und warum schleichen dann hier immernoch Russen herum?

Der Zeitspiegel: Weil das hier Russland ist, Herr Kurtz!

Kurtz: Sie meinen die Sowjetunion!

Der Zeitspiegel: Ja. Nein! Die Sowjetunion gibt es nicht mehr!

Kurtz: Aha! Wusst' ich's doch, dass die in die Knie geh'n.

Der Zeitspiegel: Nein, die Sowjetunion hat sich selbst aufgelöst...

Kurtz: ...unter dem Druck einer Offensive!

Der Zeitspiegel: Herr Kurtz, die Sowjetunion hat sich aufgespalten. In mehrere Staaten. Das ist einfach so passiert.

Kurtz: Ja klar… und Stalin züchtet Zwergziegen in der Steiermark!

Der Zeitspiegel: Stalin ist tot.



Kurtz: Haben wir ihn also doch gekriegt!

Der Zeitspiegel: Nein, Stalin ist gestorben - eines natürlichen Todes.



Kurtz: Verdammt, dann ist er uns also entwischt - alter Windhund!

Der Zeitspiegel: Herr Kurtz, so verstehen sie doch, der Krieg ist verloren und vorbei, schon seit 1945, schon seit 70 Jahren.



Kurtz: Krieg aus, Stalin tot, die Sowjetunion weg vom Fenster und die Russen dürfen hier frei rumlaufen ja?

Der Zeitspiegel: Die Russen leben hier, weil es ihr Land ist - Russland!

Kurtz: Ich hätte nicht gedacht, dass der Führer so großzügig mit ihnen verfährt, aber er wird schon seine Gründe dafür haben.

Der Zeitspiegel: Adolf Hitler ist auch tot.

Kurtz: Hab's vermutet. Aber seine Söhne leisten doch gute Arbeit in der amerikanischen Kolonie.

Kurtz kramt eine "Fotografie" aus einem zerfledderten Notizbuch.

Hitler: John F. Kennedy

Hier wird Wilfried übel mitgespielt: Der "Sohn" Hitlers als amerikanischer Präsident

Der Zeitspiegel: Hitler hatte keine Söhne, Herr Kurtz, und die Amerikaner sind nachwievor ein souveräner Staat, das Foto hier ist eine Fälschung und es gibt auch keinen "Führer" mehr.



Kurtz: Kein Wunder, dass der Meier keinen Nachschub mehr schickt. Macht doch jeder was er will wenn da keiner die Zügel in der Hand hält. Da wundert mich gar nichts mehr. Und seine Tochter?

Kurtz kramt eine weitere Fotografie hervor, mir schaudert.

Der Zeitspiegel: Herr Kurtz, das ist lächerlich. Schauen sie doch mal genau hin. Das soll die Tochter von Hitler sein?

Hitler: Lady Gaga

Schlechter Scherz: Adolf Hitlers "Enkelin"

Kurtz: Oder seine Enkelin. Künstlerin, wie ihr Großvater!

Der Zeitspiegel: Herr Kurtz…

...mein Mobiltelefon klingelt, ich ziehe mein Smartphone aus meiner Mantelinnentasche und nehme das Gespräch entgegen. Es ist die russische Taxizentrale. Sie fragt, wann ich wieder abgeholt werden möchte. Ich vereinbare einen Termin und bitte mich direkt am Feldweg aufzulesen. Ich spreche russisch und Wilfried Kurtz zieht eine rostige 08 aus seinem Gürtelhalfter. Ich lege auf.

Kurtz: Was haben sie da? Keine Bewegung! Sie haben wohl geglaubt ich verstehe sie nicht. Sie haben ihre Truppe verständigt, sie Schwein.

Der Zeitspiegel: Das hier ist ein Mobiltelefon, das hat heutzutage jeder und das war die Taxizentrale in Novyy Rogachik.

Kurtz: Jeder in ihrer Abteilung hat das wollten sie sagen. Das dürfte die Abwehr sehr interessieren. Das Spiel ist aus!

Ich halte inne und denke nach. Dann habe ich den rettenden Einfall.

Der Zeitspiegel: Herr Kurtz, ich bin beeindruckt. Ich bin wirklich beeindruckt und ich muss ihnen gestehen, dies war ein Test. Vielleicht ein wenig geschmacklos, angesichts ihrer Situation, aber sie haben ihn mit Bravour bestanden. Wir waren uns zuletzt nämlich nicht mehr so sicher, auf welcher Seite sie stehen. Ich bin heute zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass sie – nun da ich mich vergewissern durfte, dass sie treu zu ihrer Heimat stehen – Befehl haben sich in der Reichkanzlei bei Blondi Hitler zu melden. Wir, das Großdeutsche Reich, sind stolz auf sie. Ihr Durchhaltewillen war und ist uns allen eine Inspiration und Vorbild für jeden guten, gehorsamen Deutschen!

Kurtz ist noch unentschlossen. Ich stehe vorsichtig auf, versuche freudestrahlend und überwältigt zu lächeln und reiche ihm in einer großmütigen Geste meine Hand. Kurtz scheint verlegen, fasst sich aber wieder.

Kurtz: Nun bleiben sie mal auf dem Boden, ich mache hier ja schließlich nur Dienst nach Vorschrift. Ich führe Befehle aus, für mein Vaterland.

Der Zeitspiegel: Bravo! Bravo Wilfried, wenn ich mir das Du erlauben darf.

Kurtz (jetzt sichtlich bewegt): Sagen sie doch einfach Willi zu mir, das tun hier alle… also… taten... alle… .

Der Zeitspiegel: Würden sie mich nun begleiten?

Das war ein Fehler. Wirklich unsensibel. Ich merke sofort, ich war zu vorschnell.

Kurtz (wirkt plötzlich misstrauisch): Man hat sie alleine geschickt? Warum plötzlich so eilig?

Der Zeitspiegel: Herr Kurtz…

Kurtz: Nicht mehr Willi!?

Der Zeitspiegel: Willi, ich gehe davon aus, dass sie wohl nicht länger als nötig hier verbleiben möchten.

Kurtz: Sie glauben doch nicht, dass ich die Stellung aufgebe?!

Es hilft nichts und mir wird klar, dass Wilfried Kurtz nicht zu überzeugen ist und des Rest seines Lebens in diesem Erdloch verbringen wird - wenn auch im Glauben, seinem Land zu dienen.

Der Zeitspiegel: Willi! Wilfried Kurtz! Ich bin abermals überwältigt und wir hätten nie gedacht, dass sie von allein eine Aufgabe weiterführen würden wollen, welche wir ihnen in Anbetracht ihrer Dienstjahre nicht länger aufzubürden wagten. Doch nun sehe ich, dass wir in ihnen einen Fels in der bolschewistischen Brandung gefunden haben, welchen wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht hätten besser ausmalen können.

Kurz steht stramm. Tränen rinnen seine knöchernen Wangen herunter und ich kann nicht anders, als diesen alten Haudegen zu umarmen. Ich verspreche ihm die Zustellung einiger Dosen Chili con carne nach einem Rezept aus dem besetzten Südamerika und eine Tüte Capri-Sonne mit Leberwurst-Geschmack.

Der Zeitspiegel: Auf ein Wiedersehen, Willi!

Kurtz: Für den Endsieg!

Tragisch!