Der Pavlov'sche Hund

Stellt man einem Hund Futter vor die Nase, reagiert dieser auf diesen (unbedingten) Reiz zum Einen mit Freude und zum Anderen – viel wichtiger – mit Speichelfluss. Ertönt eine Glocke (neutraler Reiz), reagiert er gar nicht. Warum auch?

Stellt man einem Hund über einen längeren Zeitraum hinweg nach dem Ertönen einer Glocke Futter vor die Nase, verbindet der Hund das Ertönen der Glocke mit dem Erhalten von Futter. Der neutrale Reiz (Glocke) wandelt sich so in einen über alle Zweifel erhabenen (unbedingten) Reiz oder, kurz gesagt, in eine positiv bestätigte Erwartungshaltung.

Wiederholt man nun den Vorgang von Glockenläuten und darauffolgender Fütterung, so reagiert der Hund nach einer Weile bereits beim Ertönen der Glocke mit Speichelfluss. Das nennt man dann (erfolgreiche) Konditionierung.

Schroedingers Katze:

Schroedingers Katze“ ist ein etwas geistig hochgestochertes Gedankenexperiment, allerdings nicht ohne Charme und dem Ergebnis einer überlegenswerten Grundmetapher.

Dem Gedankenversuchsaufbau nach befinden sich in einem geschlossenen Kasten eine Katze und ein instabiler Atomkern, der innerhalb einer gewissen Zeit beginnt Strahlung auszusenden. Ein Geigerzähler reagiert auf die Strahlung und löst durch seine Aktivität (Zittern des Zeigers) die Freisetzung von Giftgas aus, welches die Katze tötet. Innerhalb welchen Zeitraumes dies geschieht ist dabei ungewiss.

Über den Zustand der Katze im Kasten – lebendig, dahinscheidend oder tot – ist somit keine treffsichere Aussage richtig oder falsch – bis der Kasten geöffnet und der Zustand der Katze überprüft wird. Bis zum Zeitpunkt der Prüfung ist die Katze – Schroedingers Überlegungen zufolge – lebendig und gleichzeitig tot.

Der Bürger und die Politik oder Pavlov'scher Hund trifft Schrödingers Katze - Wahlen - Satire, oder?

Rührend: Pavlov'scher Hund und Schrödingers Katze beim Spielen.

Der konditionierte Bürger und die Katze im Sack: Mensch und Politik in Zeiten des Wahlkampfs

Ersetzen wir den pavlov'schen Hund durch den Wähler, den Kasten durch wahlwerbende Worthülsen bzw. Absichtswahrscheinlichkeit und Schrödingers Katze durch die Akteure der Politik ergibt sich ein nahezu vollkommenes Abbild des Verhältnisses von Bürger und den Konstrukteuren der Lebenswirklichkeit.

Und so bedienen sich politische Parteien und deren Mandatsträger den Werkzeugen geistiger Käfighaltung und Lockstoffen auf dem Niveau von "Wirtschaft stärken, Umwelt schützen" oder "Freiheit und Sicherheit für alle", und vermögen es dabei ungeniert sogar Widersprüchlichkeiten zu Papier zu bringen. Und wo es gilt Instinkte zu wecken, oder aber so etwas wie Verstand zumindest nicht unnötig aufzuscheuchen, finden sich Sprüchekloppereien im Sinne von "Geiz ist geil" wie "Es gibt Würstschen" (wahlweise vegan) oder (etwas "seriöser") "Mehr Netto vom Brutto".

Ganz zu schweigen sei hier von Nullnummern wie "Frieden – Europa ist die Antwort" oder "Klimaschutz – Europa ist die Antwort". Anerkennenswert allerdings: Die SPD teilt durchaus offen mit, dass nicht sie und ihr Tun die Antwort ist, sondern Sie, verehrte Wählerinnen und Wähler, denn Sie sind Europa!

Mit "Damit Europa Chancen für alle bringt", belässt es derweil die CDU direkt bei Schrödingers Katze, denn eine Chance ist eine (hier) undefinierte Möglichkeit – zudem für alle aber nicht für jeden. Und "Unser Europa schafft Wohlstand" ist zwar nicht falsch, beantwortet aber nicht die Frage für wen und bei Fragen empfiehlt es sich einfach mal irgendeine Nummer in Griechenland, Italien, Spanien, Bulgarien, Rumänien... zu wählen und mal nachzuhaken. Man hätte auch schreiben können "Sie machen das schon", aber die Konfrontation mit der Wahrheit ist ein sehr unsicheres Mittel zur Erlangung der Führerschaft.

Im Gegensatz zum pavlov'schen Versuchsaufbau gab und gibt es aber erfahrungsgemäß niemals Würstchen oder nur dort, wo sich die Mehrheit der Wähler gar nicht aufhält. Die Nummer funktioniert dennoch, denn es ist die den politischen Akteuren zugrundeliegende Unfassbarkeit ihrer im Verborgenen liegenden, post-elektiven Handlungstatsächlichkeit und die aus dieser Etwaigkeit ableitbare Erfolgswahrscheinlichkeitsbandbreite bezüglich der Erfüllung der präkonditonal geschärften Erwartungshaltung, die, mittels simplifizierter Signalköder angegeregt, den wahlentscheidenden Speichelfluss begünstigen und die positive Wahlentscheidung (Speicheltropfen auf Wahlschein) des gemeinen Bürgers befördern soll.

Entgegen des schrödinger'schen Versuchsaufbaus lässt sich der Zustand, bzw. die oben erwähnte Handlungstatsächlich der Katze, ergo der politischen Hauptakteure nur durch die Wahl derselben feststellen. Bis zu diesem Zeitpunkt ist keine Aussage darüber möglich, ob der gewählte "Zustand" dem Verfolgen von Wählerinteressen oder dem Hintergehen derselben entspricht. Zudem bedarf es dem Reglement entsprechend 4 Jahre der Zeit, um ein legislaturperiodisch abschließendes Urteil fällen zu können, obgleich sich nicht selten bereits innerhalb der ersten 100 Tage nach Amts- bzw. Regierungsübernahme eher der Beweis der Existenz von Paralleluniversen abzeichnet, denn eine Bestätigung der Richtigkeit der vorgenommenen Positionierung zweier gekreuzter Striche auf einem Wahlschein.

Vergleichbar ist die Wahl mit dem Erteilen der Schulnote 1 auf Basis des Schüler-Versprechens, sich zukünftig dahingehend anstrengen zu wollen, diese Note auch verdient zu haben. Die Katze bleibt im Sack und – rückblickend auf die tatsächliche Entwicklung der mit Schulnote 1 bedachten und beförderten Schüler zu Weisungsbefugten – verbleibt auch dort. Erinnert sei diesbezüglich an die Worte von Franz Müntefering (SPD): "Daß wir oft an Wahlkampfaussagen gemessen werden, ist nicht gerecht", denn zu allem Überfluss vermögen es leider auch Vorschusslorbeeren einem die politische Suppe nachhaltig zu versalzen.

Eine wesentliche Eigenart der Konditionierung besteht darin, dass diese zwar eine willentliche Aktion veranlasst, diese "Entscheidung" aber nicht auf Werten wie Erfahrung und rationaler Abwägung beruht, denn auf einem angeregten Reflex, welcher sich zudem beliebig häufig wieder ab- bzw. hervorrufen lässt. Das ist in etwa so wie mit einem wohlfotografierten Abbild einer schmackhaft angerichteten Speise im Menüaushang eines Restaurants. Auf Basis des von diesem Bild ausgehenden Reizes betreten Sie das Restaurant und bestellen gesehenes und erwartbares Gericht. Statt des Gerichts serviert man Ihnen Scheiße. Sie essen die Scheiße und Sie stellen fest: Es ist Scheiße, denn schließlich sind Sie nicht auf den Kopf gefallen oder laufen jeden Morgen zielsicher vor den Bus. Entgegen menschenverständlichem Protest und folgerichtiger Zahlungsverweigerung entrichten Sie den Preis UND (Konditionierung) kommen wieder. Vielleicht ist es ja beim nächsten Mal nicht Scheiße.

Mag einem der Verstand auch unmissverständlich mitteilen, dass die Angelegenheit so viel Sinn hat wie die Wahl zwischen Pest und Cholera, so verleitet das unter Spannung stehende, archetypische Belohnungszentrum zu fortgeführten Spekulation im theoretischen Raum, in deren Folge sich sinnige, zumeist aber unsinnige, dabei von ganz fassbaren Konsequenzen begleitete Entscheidungen ihren Weg bahnen – was es der Katze erlaubt auch nach der Wahl im Sack zu verbleiben, sich dabei aber der Kräfte dieser Eigendynamik zu bedienen.

Die Katze im Sack oder das Perpetuum mobile des Unbehagens

Die Politik schafft die Missstände, welche sie in Folge gewillt ist aus der Welt zu schaffen, selbst. Dabei gelingt es den politischen Akteuren mittels verklausulierter Worthülen (verbale Nebelkerzen) ihre Ursächlichkeit für die Missstände, die nackte Lüge oder ihre Kompetenz- oder Geistlosigkeit gekonnt zu verbergen und sich gar selbst als Retter vor den Folgen ihres eigenen Unvermögens zu inszenieren. Da es dem Forscher (Wähler) aufgrund alltäglicher Herausforderungen nicht möglich ist, das Experiment (Wahl) von A bis Z (Legislaturperiode) mit der gebotenen kritischen Aufmerksamkeit zu beobachten, verbleiben die politischen Akteure auch weiterhin im Dunkel der Unmessbarkeit, was es ihnen gestattet – bewusst oder unbewusst (letzteres eine wirkliche Katastrophe) – in sich selbst keinen mess- oder bewertbaren Zustand einnehmen zu müssen, und den Konjunktiv II als Grundlage einer jeden Parteiagenda voraussetzen zu dürfen.