Die rund 80 Millionen Segelschiff-Liebhaber Deutschlands können nach langem Zittern aufatmen: Das tradionsreiche Segelschulschiff Gorch Fock wird saniert. Geld spielt keine Rolle, denn nur die Liebe zählt – ein Motto, welches in Kürze auch in das Banner der Bundesmarine aufgenommen werden soll.

Die Kosten für das o. g. Unterfangen sind zwar nur schwerlich unter "erschwinglich" zu verbuchen, doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, warum die Reparatur der Gorch Fock nur zu einem Budget zu bewerkstelligen ist, welches derzeit etwa mit einem Sechstel der Baukosten für die Hamburger Elbphilharmonie veranschlagt wird.

Ein kurzer Überblick:

Informationen des NDR zufolge umfasst die Sanierung des Schiffes:

    1. die nahezu komplette Erneuerung der Außenhaut des Schiffs
    2. den vollständigen Austausch von Ober- und Zwischendeck
    3. die Neuverlegung großer Teile des Teakholzbelages
    4. die Generalüberholung des Motors

Hervorzuheben ist: Man hat dazu gelernt. Wo bei der Baukostenfeststellung für die Elbphilharmonie zu Beginn noch 77 weltfremde Millionen Euro veranschlagt wurden (Endverbraucherpreis über 800 Millionen – dafür aber echt hübsch geworden und die Eintrittspreise halten sich in (oberen) Grenzen) – wurden im Sanierungsbudget für die Gorch Fock von Anfang an Kosten für Vetterleswirtschaft und persönliche Bereicherung der Beteiligten auf Basis eklatanter Inkompetenz der Projektplaner und -verantwortlichen miteingerechnet. Chapeau!

Die Reparatur der Gorch Fock

Auf den Wellen eines Kosten-Ozeans: Die Sanierung der Gorch Fock
Foto "Gorch Fock": Tvabutzku1234 (Creative Commons 0)
Foto "Euro": Creative Commons via Pixabay

Kosten der Feststellung der Reparaturbedürftigkeit

So mancher Laie gibt sich der Vorstellung hin, dass ein kurzer Blick auf eine Ruine genügen sollte, um eine Aussage über die Reparaturbedürftigkeit eines Objektes treffen zu können. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Denn wo erwartbar unnachvollziehbar hohe Ausgaben auf Kosten des Steuerzahlers angestrebt werden, bedarf es der professionellen Aussagensicherung. Und so stellte ein 12köpfiges Team (128 €/Stunde/Kopf + Spesen + Mwst.) nach mehrtägiger Begehung des Schiffes und einer damit verbundenen Prüfung der technischen Anlagen, der Takelage und Ultraschalluntersuchung der hölzernen Außenhaut sowie nach Auswertung von Mängel-Protokollen und mündlichen Konsultationen der Besatzung im Rahmen seines in mehrwöchiger Detailarbeit verfassten Prüfberichtes verblüffend einleuchtend fest: Das Schiff ist kaputt und sollte mal repariert werden.

Einhergehend mit obiger Feststellung belegten aufwendige Untersuchungsreihen in Materiallabors, dass Holz, welches Salzwasser, Wind und Sonneneinwirkung ausgesetzt ist, sich über kurz oder lang zu seinem Nachteil verändert. Selbiges gilt für Motoren, Kabineninterieur und die Schiffskombüse. Da wäre "so" doch wirklich keiner drauf gekommen.

In einem Nachtrag zum vorliegenden Prüfbericht wurde allen Unkenrufen zum Trotze auch festgehalten, dass eine Stilllegung und ein Neubau der Gorch Fock in etwa selbigen Kostenaufwand bedeuten würde, im Zweifelsfalle der Neu-Anschaffungspreis gar unter dem der Sanierungskosten liegen könnte, doch eine in 4prozentigem Grau gehaltene 3-Punkt-Schrift auf ungebleichtem Recyclingpapier in einer grauen Pappmappe im jüngst zugemauerten Kellerarchiv des Bundesverteidigungsministerium ist doch recht schwer lesbar und einem professionell agierendem Haushaltskonsortium nicht zuzumuten.

Zudem war bereits mit Sanierungsarbeiten begonnen worden, noch bevor ein Neubau angesichts der Reparaturkosten in logische Erwägung gezogen wurde. Ein Abbruch der bereits vertraglich fixierten Arbeiten am Schiff hätte laut Aussage eines Ministeriumssprechers außerdem den Verlust von 70 Millionen Euro bedeutet.

Warum ein Segelschulschiff in Zeiten von modernen Kampfschiffen so verdammt wichtig ist

Ungeachtet des Umstandes, dass aufgrund von Unfällen den Kadetten der Gorch Fock der Einstieg in die Rahen zuletzt verwehrt wurde, weiß die Marine folgendes über die Wichtigkeit eines Segelschiffes ins nasse Feld zu führen:

"Nirgendwo wird der Einfluss des Wetters auf Schiff und Besatzung so intensiv erlebt und zur gesicherten Erfahrung wie auf einem Großsegler. Nirgendwo sonst wird die menschliche Abhängigkeit voneinander so deutlich zur Gewissheit, wie in den Rahen der „Gorch Fock“ bei einer Sturmfahrt."

Jochen Schweizer lässt grüßen!

"Die Bedeutung der Seemannschaft als berufsspezifische Grundlage der Seefahrt kann nur auf einem von Wind und Wetter abhängigen Segler glaubhaft vermittelt werden. Außerdem erziehen die ungewohnte Enge und der Mangel an Komfort zur Kameradschaft, Rücksichtnahme und fördert den Teamgeist. Dies sind alles Eigenschaften, die für den Dienst an Bord auch der modernen Boote und Schiffe unerlässlich sind."

Ein modernes Kriegsschiff fährt nicht auf selbiger See und ist nicht eng genug?

"Das Segelschulschiff „Gorch Fock“ vermittelt ein prägendes Erlebnis und leistet einen unverzichtbaren Beitrag in der Erziehung und Vorbereitung zukünftiger Vorgesetzter an Bord und an Land."

Das tut die Leitung einer gemischten Vorschulgruppe auf einem Binnensee auch!

"Die „Gorch Fock“ hat sich als „Botschafter in Blau“ für die Verbesserung zwischenstaatlicher Beziehungen einerseits und als Ausbildungsschiff für den Führungsnachwuchs sowie als Werbeträger für die Marine im Inland andererseits so sehr bewährt, dass auch in absehbarer Zukunft die Deutsche Marine auf diesen Großsegler und auch kleinere Segelfahrzeuge nicht verzichten will und kann."

Ein blauer Botschafter wäre mal eine bürgernahe Maßgabe, aber Werbeträger für die Marine?.. räusper

Vom schönen Schein der Sonne im Konsequenz-Orbit

(Finanzielle) Verluste, mithin Schiffbruch, erleiden nicht wenige Menschen einmal im Laufe ihres Lebens. Zumeist infolge einer nicht unbedingt glücklichen Entscheidung. Doch wer nicht jeden Morgen gegen den Bus läuft oder sich am Ende des Tages mit Stromstößen den Frontallappen lobotomiert, trifft derlei Entscheidungen nur einmal. Anders verhält es sich bei Entscheidungsträgern aus Politik und öffentlicher Hand: Sie befinden sich nach Entscheidungsfindung und Vollzug umgehend im Konsequenz-Orbit und vermögen es, sich angesichts einer fast schon pathologischen Dissoziation von "Ich" und Auswirkung persönlichen Handelns (Stichwort Verantwortung) im Wiederschein grell aufleuchtender Kostenexplosionen auch noch zu sonnen.

Mal so nebenbei: Haushaltsplanung und -politik für die Tonne?

Ein weiteres Beispiel für eine Haushaltsplanung für den Pecunienkompost: Um der Personalkostenersparnis wegen, erschien der Stadt Köln die Anschaffung von Mülleimern zum Stückpreis von 10.000 Euro als sinnvoll – den Verlust einer zentralen Hirnregion vorausgesetzt (siehe "Lobotomie") sogar nachvollziehbar. Zugutehalten kann man den Abfallbehältnissen ihre solarbetriebene, innere Pressvorrichtung, welche eine 7fache Materialaufnahme ermöglicht. Zwar muss der Entsorgungscontainer noch immer geleert werden, aber nicht mehr so häufig. Im Gegenzug lässt sich so Leer-Personal einsparen und die eingesparten Finanzmittel dem technischen Wartungspersonal zueignen – welches fortan benötigt wird und im Zweifel in regelmäßigen Abständen direkt vom Hersteller herangezogen wird, der sich die Anfahrt aus der Schweiz, Übernachtung, Personalmiete und Spesen bezahlen lässt. Geistige Kurzatmigkeit hat nunmal ihren Preis.

Erinnert sei hier an eine Szene aus Monty Python's „Der Sinn des Lebens“: In der Geburtsszene betritt der Krankenhauschef den Kreisssaal und gibt zum Besten, dass man die teuren Maschinen an eine Firma verkauft hätte, von welcher man eben diese Gerätschaft nunmehr lease – womit nur noch das Konto für das laufende Budget, nicht aber das des Eigenkapitals belastet würde.

Zum Punkt: Die Sanierung der Gorch Fock

Bei aller Kritik möchten wir an dieser Stelle doch auch die Besonderheiten der Wiederinstandsetzung des unbezweifelbar schönen Schiffes beleuchten. Wir haben für Sie die wichtigsten Punkte zusammengefasst:

  • Weltmännisches Selbstverständnis pur: Die komplette Außenhaut der Gorch Fock wird ersetzt, vergoldet und daraufhin mit strahlendem Weiß überstrichen. Protz ist nicht Sache der Marine
  • Das Segeltuch wird in einem aufwendigen Verfahren aus dem Haar der derzeitigen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gewebt, was auch die z. T. lange Liegedauer des Schiffes im Trockendock erklärt
  • Segelnahten aus handfestem Seemannsgarn
  • Drei im traditionellen Stil gefertigte elektrische Mastaufzüge erleichtern den ansonsten unsicheren Aufstieg in die Rahen
  • Der Einbau von Kontra-Stabilisatoren gestattet Unwetterübungen im sicheren Hafen
  • Handgeschnitzte Intarsien aus Pottwalbabykieferknochen verleihen den ansonsten schönden Wandverkleidungen das gewisse Etwas
  • Sitzpolster aus knuddeligem Seehund-Welpenfell!

Und die Moral von der Geschicht?
Ich fass' es nicht!