Unvergesslich traumatische Geschmacksentfaltung: Chateau Malheur – Der Abschied unter den Weinen

In 5 Tagen ist Weihnachten: Verschenken Sie ein Geschmackserlebnis, welches den Wunsch nach Vergessen weckt.

Das Weingut Chateau Malheur, im französischen Merde gelegen, erzeugt schon durch sein Erscheinungsbild einen ungreifbaren Eindruck erhabener Vernachlässigung. Wo andernorts pittoreskes Weingutambiente noch vor der Degustation für Wohlgefälligkeit Sorge trägt, macht das Chateau Malheur keinerlei Anstalten einer augenscheinlichen Versprechung und setzt auf unverfälscht authentischen Zerfall.

Der hier vorgestellte Cuvée besticht schon beim Öffnen der Flasche durch ein Mark und Bein erschütterndes Bouquet der Strenge. Es weht ein weltläufiger Wind von Fisch und altbausanitärer Leckage. In der Mitte seiner olfaktorischen Präsenz weiß sich ein zunehmend dominierender Hauch von fungizider, dabei erdig-vital-wesender Reife abzuzeichnen.

Vor dem geschmacklichen Auge entfaltet sich eine Szenerie dystopischer Abgründe, welche sich in einer unsäglichen Harmonie zu einer Einheit umschließen, die önologisch an die Grenzen des Unaussprechlichen gereichen und unverwechselbare Vorboten eines einmaligen Geschmackserlebnisses vorauseilen lässt.

Dem Glase zugetan und dem Licht zugewandt, umfängt den Betrachter das Farbenspiel bedachter Eingängigkeit und das Prachtkolorit ausgeprägter Zurückhaltung. Keine Frage, dieser Wein bedarf des Lichts der Sonne nicht, bricht er doch aus sich selbst heraus keinen Strahl des ew'gen Gestirns.

Chateau Malheur – Der Abschied unter den Weinen

Mit der Geschmeidigkeit zerlaufenden Bitumens benetzt der dunkle Fluss die Zunge und lässt den Augenblick im Lauf der Zeit gefrieren, flüchtig nur die Gedanken. Ein Gefühl der Beklemmung und des Verlassenseins umschmeidet den eben noch unschuldigen Gaumen, und wo das Erwarten der Erfüllung der Erlösung harrte, verliert sich die Hoffnung in bodenlosem Halt. „Gnadenlos“ mag es einem entfleuchen. Doch wahrlich weiß dieses Wort nicht einmal annähernd die kraftvoll adstringierenden Tannine zu umschreiben, die ein Lösen der von spontaner Dürre heimgesuchten Geschmacksknospen von der säurezersetzten Gaumenwand in die unwegbaren Gefilde der Unmöglichkeit treibt.

Die derbe Harmonie dieses Tropfens korreliert mit der Vielfalt monotoner Anklänge der durchgehend flachen Struktur des Weines, der sich anschickt, sich nach einer spektakulären Reise durch eine geisteslähmende Landschaft der kulinarischen Unaufdringlichkeit in einem Meer fulminanter Belanglosigkeit seinem lukullischen Höhepunkt zu verweigern.

Rasanter Abgang.

Am Ende der Verköstigung: Der bekennende Weinliebhaber und die offenen Arme der Fassungslosigkeit – in welche man sich bereitwillig und ungehemmt weinend fallen lässen möchte. Spontan ist man geneigt, sich zum Troste wärmender Lyrik zuzueignen, und es sind die eindringlichen Worte William Butler Yeats', welche es allein vermögen diesen Augenblick der Offenbarung einer Beschreibung zu unterwerfen:

Kreisend und kreisend in immer weiterem Bogen
entschwindet der Falke dem Ruf des Falkeniers.
Alles fällt auseinander, die Mitte hält nicht mehr.
Bare Anarchie bricht aus über die Welt.
Blutgeblendete Strömungen sind losgelassen.
Allenthalben wird der heilige Vorgang der Unschuld überschwemmt.

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