Wer von einer First-Person-Hausflur-Reinigungssimulation lediglich das Schwingen von Besen, Feudel oder Wischmop erwartet, darf sich einer Überraschung sicher sein, denn "Virtual Kehrwoch" verlangt seinen Spielern mehr ab, als das geschickte Führen eines Reinigungsutensils. Nebst weitreichenden Hygiene- und verschmutzungsabhängigen Reinigungskenntnissen (das spieleigene Tutorial bringt den Spieler diesbezüglich auf den aktuellen Stand der Dinge), spielen soziale Interaktion und Kommunikation eine zentrale Rolle, und entführen den Gamer in die Schattenwinkel klein- und großbürgerlicher Befindlichkeit.

Virtuelle Kehrwoche - Hausflur-Reinigungssimulation

Virtual Kehrwoch' - Grenzerfahrungen im Treppenhaus

Das level-basierte Spiel wartet mit 12 Schwierigkeitsgraden auf und findet seinen Höhepunkt in der Reiniung einer Studenten-WG in einer Plattenbausiedlung. Bis zu diesem gilt es für den Spieler allerdings eine ganze Reihe von Prüfungen zu bestehen und sich durch die Etagen (Level) zu arbeiten:

  1. Etage: Einfache Hausflur-Reinigung (1 Etage)
  2. Etage: Reinigung eines kompletten 3-Familien-Treppenhauses
  3. Etage: Plattenbau-Hausmeister (Lern-Level)
  4. Etage: Plattenbau-Hausmeister (Fortgeschrittenen-Level)
  5. Etage: Willkommen in der Hölle!

Ab der 5ten Etage heißt es Treppenhausreinigung mit "G'schwätz" und das Schieben der ruhigen Wischmop-Kugel hat spätestens dann ein Ende, wenn Magda Schneider, die "freundliche" Dame aus Wohnung 7 das Treppengespräch ins Laufen bringt. Ab hier beginnt das Spiel erst richtig Fahrt aufzunehmen und der Spieler ist angehalten, sein ganzes diplomatisches Geschick in Sachen "Tratsch & Klatsch" unter Beweis zu stellen.

Auf den folgenden Etagen steigern sich Art, Umfang und Komplexität der Treppenhauskommunikation in den Bereich der Grenzerfahrung. Verbunden mit überlebensnotwendigen Kenntnissen rund um das aktuelle TV-Programm, Stars, Sternchen, Königshäuser, BILD-Schlagzeilen, vor allem aber aufeinander aufbauenden "Informationen" (Hörensagen) betreffs der Befindlichkeit und des Tuns der Nachbarn (vergessen Sie bloß nichts – vor allem nicht, was Sie gesagt haben!), bedarf es zusehends strategischen Taktierens, um "unversehrt" die nächste Ebene erreichen zu können.

"Unversehrt" bedeutet, möglichst nicht selbst zum Gegenstand des Geredes zu werden, denn wer zum Gesprächsstoff avanciert oder gar in Ungnade fällt, hat mit umfänglicherer Verschmutzung und unheilvoll zunehmendem "Gesprächsbedarf" zu rechnen. Das kostet Zeit, und genau jene hat der Spieler nicht, will er die Reinigung des Treppenhauses in der vorgegebenen Zeitspanne bewältigen.

Wer "Etage 11" geschafft hat, den erwartet die oben bereits erwähnte Krönung des Spiels: Die Reinigung der bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz unbekannten Studenten-WG im vertrauten Plattenbau. Auf dieser Etage wird der Spieler in WG-typische Diskussionen ob der Nachlässigkeiten von WG-Mitbewohnern und die protokollierte Umsetzung ambitionierter Gruppen-Reinigungsplanung verwickelt. Generaldiskursive Debatten ob der Grundsätze des Zusammenlebens im Kontext von Gendergleicheit, Kapitalismuskritik und der Überwindung verkrusteter sozial- und kulturpolitischer Strukturen folgen auf dem Fuße.

Fazit: Dieses Spiel ist der Wolf im Schafspelz, ein Armageddon alltäglicher Hinterfotzigkeit, der Hades der Lindenstraße.